Test Moto Morini Seiemmezzo 6 1/2 SCR (2026)
Der Scrambler mit Kawasaki-Twin, Kreuzspeichenfelgen und Pirelli MT 60 RS – 92 dB(A), Tirol-konform, ab ca. 7.699 Euro
Stand: 24.4.2026 | Modell: Moto Morini Seiemmezzo SCR (Seiemmezzo = 6½; SCR = Scrambler); Hersteller: Moto Morini (gegr. 1937; seit 2018 Zhongneng Vehicle Group, CN); Design + Entwicklung: Trivolzio (Lombardei); Produktion: China (Zhongneng/Taizhou) | Preis DE: ca. 7.699 Euro (A: 8.599 Euro); A2-Version (35 kW) verfügbar | Standgeräusch: 92 dB(A); Tirol-konform unter 95 dB(A) | Garantie: 3 Jahre ohne Kilometerlimit
Name und Konzept: Was Seiemmezzo SCR bedeutet
Seiemmezzo ist Italienisch für „sechseinhalb“ – ein Verweis auf den 649-cm³-Hubraum und gleichzeitig eine Hommage an den berühmten Moto Morini 3½-V-Twin der 1970er-Jahre, von dem in einem Jahrzehnt 85.000 Stück verkauft wurden.
Die zwei M im zusammengeschriebenen Seiemmezzo stehen für Moto Morini. SCR steht für Scrambler. Das Konzept: ein Motorrad, das weder reiner Straßen-Naked noch echte Enduro ist, sondern den Charakter eines Scrambler mitbringt – Optik und Ergonomie für Schotterstraßen und leichtes Gelände, ohne die Alltagstauglichkeit auf Asphalt zu opfern.
Die Seiemmezzo-Familie wurde auf der EICMA 2022 als Plattform mit zwei Varianten vorgestellt: SCR (Scrambler) und STR (Street). Beide teilen Motor, Rahmen, Fahrwerk und Bremsen. Die Unterschiede sind konsequent: Die SCR bekommt alles, was einen Scrambler optisch und ergonomisch definiert; die STR alles, was ein Naked Bike ausmacht.
Motor: 649 cm³, Kawasaki-Gene, Ausgleichswelle
Der flüssigkeitsgekühlte DOHC-Reihenzweizylinder mit 649 cm³ basiert auf dem Kawasaki-ER-6-Motor, wird bei Zhongneng in China gefertigt und hat gegenüber der X-Cape-Version ein angepasstes Mapping erhalten. 61 PS bei 8.250/min, 54 Nm bei 7.000/min. 6-Gang-Getriebe, Kettenantrieb. Euro 5. A2-Version (35 kW) serienmäßig verfügbar. Keine Fahrmodi, keine Traktionskontrolle.
Der Motor ist dank einer einzigen zahnradgetriebenen Ausgleichswelle bei allen Drehzahlen vibrationsfrei – keine Kribbeln in Fußrasten oder Sitzbank, wie man es von Einzylinder-Konkurrenten oder manchen anderen Twins kennt. Über 8.000/min wird er mechanisch laut: als Schaltpunkt empfiehlt sich daher die 8.000er-Marke. Der Motor mag kein untertouriges Dahinprötteln. Ab 2.500/min lebt er, am wohlsten fühlt er sich bei 4.000–5.000/min. Die Einspritzung (Bosch) ist direkt und gut abgestimmt – kein indirektes Gummizug-Gefühl.
Fahrwerk: KYB voll einstellbar, SCR-Charakter durch Lenker und Bereifung
KYB liefert USD-Gabel (43 mm) und Monoshock, beide mit 120 mm Federweg und vollständiger Einstellbarkeit: Gabel in Vorspannung, Zug- und Druckstufe; Federbein in Vorspannung und Zugstufe. Stahlrahmen mit Aluschwinge, 25° Lenkkopfwinkel. Das Fahrwerk arbeitet überzeugend – kein Einknicken der Front bei Panikbremsung, kein Aufrichten beim Schrägbremsen.
Was die SCR vom Fahrcharakter her von der STR trennt, ist nicht das Fahrwerk – das ist identisch – sondern Lenker und Bereifung. Der höhere, weiter zurückgezogene SCR-Lenker erzeugt eine aufrechte Sitzposition, die man so beschreiben kann: automatisch gelasseneres Herangehen ans Kurvengetümmel. Der aufrechte Sitzposition macht die SCR paradoxerweise zu einem besseren Stadtmotorrad als die STR – man sieht über Autodächer hinweg und schlängelt dadurch besser durch Staus.
Bremsen: Brembo 2-Kolben-Schwimmsattel, Doppelscheibe, ABS
Brembo liefert 2-Kolben-Schwimmsattel (keine Radialzange) an Doppelscheiben mit je 298 mm vorn und eine Einzelscheibe 255 mm hinten. Bosch 9.1 MB ABS – nicht abschaltbar. Das ABS greift eher spät ein, dann aber sehr sicher und intensiv. Die vorderen Bremsen sind trotz der 2-Kolben-Bauweise gut – offensichtlich entwickelt von Leuten, die selbst fahren. Für einen Scrambler mit Tourentauglichkeit ist das vollkommen ausreichend. Wer Radialzangen-Bremsgefühl sucht: falsches Motorrad.
Ergonomie: 810 mm, aufrecht, Scrambler-Position
810 mm Sitzhöhe ist identisch mit der STR. In der Praxis fühlt sich die SCR höher an: Der höhere, weiter zurückgezogene Lenker verändert die Gewichtsverteilung und die gefühlte Körperhaltung spürbar. Diese höhere, zurückgezogene Lenkerposition erzeugt eine aufrechte Sitzposition – die SCR ist das geräumigere, entspanntere Motorrad der beiden. Die Fußrastenposition ist klassisch für einen Scrambler: unter dem Fahrer, leicht nach vorn. Soziusmitnahme ist möglich.
Das Styling der SCR ist konsequent: runder LED-Einzelscheinwerfer, hoher vorderer Kotflügel, kurzer Flyscreen, braunes Sattellederlook mit gerippter Fahrern-Partie, mattschwarzer Auspufftopf. Hinterleuchtete Lenkerarmaturen serienmäßig. 5-Zoll-TFT-Farbdisplay mit Bluetooth; USB. Keine Navigationsfunktion serienmäßig (anders als AlltrHike).
Bereifung: Pirelli MT60RS – der charaktergebende Unterschied zur STR
Pirelli MT60RS: Das ist der Schlüssel zum SCR-Charakter. Dieser Reifen ist ein Semi-Stollenreifen für Scrambler-Einsatz – straßenlegal, griffiger auf Schotter, Sand und feuchtem Belag als ein reiner Straßenreifen, aber bei Hochgeschwindigkeit auf trockenem Asphalt weniger präzise als der Pirelli Angel GT der STR. Die MT60RS kommen mit Rollsplitt und Kies besser klar. Die Felgen sind Kreuzspeichen, schlauchlos ausgelegt: 18 Zoll vorn, 17 Zoll hinten.
Standgeräusch und Tirol-Kompatibilität
92 dB(A) Standgeräusch: Da SCR und STR identische Motorisierung und Auspuffanlage haben, gilt dieser Wert auch für die SCR. 92 dB(A) liegt unter der Tirol-Grenze von 95 dB(A) – die Seiemmezzo SCR ist damit Tirol-konform und auf allen betroffenen Passstraßen zugelassen.
Preiseinordnung und Konkurrenz
Ca. 7.699 Euro in Deutschland. Triumph Scrambler 900: ab ca. 12.500 Euro; 900er-Parallel-Twin; mehr Hubraum, aber rund 5.000 Euro mehr. Ducati Scrambler Icon: ab ca. 10.000 Euro; luftgekühlter 803er-Desmo. Royal Enfield Scram 411: ca. 5.500 Euro; 411er-Einzylinder; deutlich weniger Leistung. Kawasaki Z 650 RS: ca. 8.500 Euro; 649er-Parallel-Twin; Retro statt Scrambler.
Die SCR positioniert sich als vollständig ausgereifter Mittelklasse-Scrambler mit japanischen Fahrwerkskomponenten und italienischem Design unterhalb der europäischen Premium-Konkurrenz.
Fazit
Die Moto Morini Seiemmezzo SCR ist kein Kompromiss-Scrambler. Der Kawasaki-verwandte Twin liefert 61 PS vibrationsfrei, das KYB-Fahrwerk ist voll einstellbar, 92 dB(A) sind Tirol-konform, und die Pirelli MT60RS plus der aufrechte Lenker geben ihr einen echten Scrambler-Charakter. Trotz identischer Technik entwickelt die SCR gegenüber der STR einen anderen Charakter. Das ist das Kaufargument: nicht mehr Technik, sondern ein anderes Motorrad.
Kurzcheck
+ Motorradonline.de Erstfahrt: SCR entwickelt trotz identischer Technik anderen Charakter als STR; höherer, zurückgezogener Lenker + MT60RS machen echten Unterschied; Strada-Bianca-tauglich
+ Pirelli MT60RS serienmäßig: Semi-Knobby auf Kreuzspeichenfelgen (schlauchlos); auf Schotter, Sand und Rollsplitt überlegen gegenüber reinen Straßenreifen; 18/17 Zoll
+ KYB USD 43 mm voll einstellbar (Vorspannung, Zug- + Druckstufe); Monoshock voll einstellbar (Vorspannung + Zugstufe); 120 mm Federweg vorn und hinten
+ dank Ausgleichswelle vibrationsfrei bei allen Drehzahlen; 92 dB(A) Tirol-konform; Brembo-Bremsen trotz 2-Kolben überzeugend; direkte, gut abgestimmte Einspritzung (Bosch)
+ 3 Jahre Garantie ohne Kilometerlimit; A2-Version (35 kW) verfügbar; 16-l-Tank; ca. 7.699 Euro in Deutschland
– Keine Radialzangen vorn: Brembo 2-Kolben-Schwimmsattel; ABS nicht abschaltbar (Bosch 9.1 MB); für sportliche Fahrweise grenzwertig
– Keine Fahrmodi, keine Traktionskontrolle (anders als X-Cape); nur für Straße und leichtes Gelände ausgelegt – keine echte Enduro
– Motor mag kein untertouriges Schleichen; über 8.000/min mechanisch laut; Schaltpunkt empfiehlt sich bei 8.000/min
– Kurzer Federweg (120 mm vorn und hinten); bei anspruchsvollem Gelände schnell am Limit; keine echte Offroad-Reserve
– Moto Morini Händlernetz in Deutschland begrenzt (66 Neuzulassungen Jan–Aug 2025); Garantie an Wartung beim Morini-Vertragshändler geknüpft
Technische Daten: Moto Morini Seiemmezzo SCR (2026)
Marke / Modell: Moto Morini Seiemmezzo SCR (SCR = Scrambler; Seiemmezzo = 6½); Hersteller: Moto Morini (gegr. 1937; seit 2018 Zhongneng Vehicle Group/ZNEN, CN); Design + Entwicklung: Trivolzio (Lombardei); Produktion: China (Zhongneng, Taizhou)
Motor: Flüssigkeitsgekühlter DOHC-Reihenzweizylinder, 649 cm³; Kawasaki-ER-6-Abstammung; bei Zhongneng/CFMoto gefertigt; 4 Ventile/Zylinder; Ausgleichswelle; Bosch-Einspritzung; 6-Gang; Kette; Euro 5; kein Quickshifter
Leistung: 61 PS (44,5 kW) bei 8.250/min; A2-Version 35 kW verfügbar
Drehmoment: 54 Nm bei 7.000/min
Vmax / Verbrauch: ca. 170 km/h; ca. 3,5–3,8 l/100 km
Tank / Reichweite: 16 l; ca. 400–450 km
Fahrmodi / TC: Keine Fahrmodi; keine Traktionskontrolle (Unterschied zur X-Cape)
Rahmen: Stahlrohrrahmen; Aluschwinge; 25° Lenkkopfwinkel
Gabel: KYB USD 43 mm; Federweg 120 mm; voll einstellbar (Vorspannung, Zug- und Druckstufe)
Federbein: KYB Monoshock; Federweg 120 mm; einstellbar Vorspannung + Zugstufe; direkte Anlenkung
Bremsen vorn: Brembo 2-Kolben-Schwimmsattel (keine Radialzange); Doppelscheibe 298 mm; Bosch 9.1 MB ABS (nicht abschaltbar)
Bremse hinten: Einzelscheibe 255 mm; ABS
SCR-spezifisch: Kreuzspeichenfelgen tubeless; 18 Zoll vorn / 17 Zoll hinten; Pirelli MT60RS (Semi-Knobby); hoher vorderer Kotflügel; Flyscreen; braunes Sattelleder (Vintage); höherer/zurückgezogener Lenker (aufrechte Scrambler-Position)
Ergonomie: Sitzhöhe 810 mm (identisch STR; gefühlt höher durch SCR-Lenker); aufrechte Scrambler-Sitzposition; besseres Stadtmotorrad als STR, weil durch andere Ergonomie mehr Übersicht; Fußrasten unterm Fahrer angeordnet
Gewicht: ca. 200 kg vollgetankt
Ausstattung: 5-Zoll-TFT-Farbdisplay; Bluetooth; hinterleuchtete Lenkerarmaturen; Voll-LED; USB; kein Navi serienmäßig
Standgeräusch: 92 dB(A); Tirol-konform (Grenze: 95 dB(A))
Farben (2026): Blauer Sturm; Marinegrün; Nachtschwarz
Garantie: 3 Jahre ohne Kilometerlimit (alle Moto Morini; Bedingung: Wartung beim Morini-Vertragshändler)
Preis (D): ca. 7.699 Euro; Österreich: 8.599 Euro; A2-Version verfügbar