Aprilia Tuono 1100 V4 (2018)
Sport
Aprilia Tuono 1100 V4
175 PS, 120 Nm, Baujahr 2018, 30.0000 km, 6-8,5 l/100 km
Meine Nachbarn hassen sie. Das liegt am Kaltstart. Die Klappe im Auspuff geht auf, das Ding röhrt wie Hölle. Hallo Krawallo! Alle wach?
Kein Städter hätte so einen Bockmist konstruiert. Im heimischen Nürnberg will ich nicht auffallen. Sondern ins fränkische Umland rausrollen, um den Motor schonend warmzufahren. Erst dort geht es zur Sache. In der Kreiselpampa befindet die Tuono in ihrem wahren Element.
Sie ist ein Kurvenräuber ersten Ranges. Geschmeidige Federung, feine Bremsen, glasklares Einlenken und dabei top stabil. So hätte ich das als Motorradtester kurz auf den Punkt gebracht. Aber das sind Worte. Man muss aus dem Sattel heraus erleben, was die Tuono auf Landstraßen zaubert. Egal, ob gut ausgebaut oder holprige Rübenäcker mit 2,50 m Breite: Die Tuono tanzt.
Vor allem mit Bridgestone S21 bereift. Die sind im Vergleich zu Pirelli Rosso 3 oder 4 preisgünstig, haftstark, bremsstabil, handlich und haltbar. Der Grip vom S21-Hinterrreifen ist nicht besser als beim Pirelli, aber der Vorderreifen macht für mich den Unterschied. Präzise und zielgenau wie ein Laser. Das taugt mir, das taugt der Tuono. Dass der Federkomfort unter meiner Reifenwahl leidet, sei’s drum.
Ein Kurvenräuber ersten Ranges
Zurück zum Kurventanz. Die Tuono schwebt derart lässig durchs Freiland, dass man als Fahrer hellwach sein muss. Klar kann man auch brav dahinschleichen, aber das ist nicht ihr Metier. Und das sagt mir die stolze Italienerin klar und deutlich: Ey, was isse los? Gas ist rechts, forza!
Kommst du ihrem Willen nach, schmeichelt sie dir: belissimo! Jetzt noch mehr veloce. Spürst du, wie dolce ich dir folge? Also folgst du ihr und gast noch mehr an. Drehzahlen nicht unter 6.000/min, die 120 Nm schieben an. Steigt das Vorderrad, setzt es die elektronische Wheeliekontrolle sanft ab.
Der markante V4-Sound mag in der Stadt nerven. Im offenen Geläuf ist er ein himmlisches Orchester. Das macht süchtig! Sorry, Freunde des Elektromobils: Das hier ist göttliche Musik! Vergiss alle Japsen-Vierer oder Bayernboxer. Einzig die Ducati V4… Isse Italia. Die wissen eben, wie man schmackhaft kocht.
Eigentlich bist du jetzt längst viel zu schnell für die verträumten Nebenstrecken meiner fränkischen Heimat. Doch die Tuono schmeichelt dir. Gut, jetzt noch mehr Speed. Langsam beginne ich mich wohlzufühlen, und du?
Es ginge noch viel mehr. Doch das ist genau der Knackpunkt an der Tuono. Du musst dich als Fahrer genau kennen und schön im Zaum halten. Wenn nicht, galoppiert sie mit dir davon. Höchste Gefahr! Wer Tuono fährt, wird ab Minute eins lernen, dass man mit angezogener Handbremse im Kopf fahren – muss. Sie ist eine Waffe in Samthandschuhen. Nur für erfahrene Personen geeignet.
Ist die italienische Diva zuverlässig?
Italien und zuverlässig? Der V4-Motor ist bei seiner Journalisten-Präsentation 2009 reihenweise geplatzt. Dieses Event schlägt bis heute negativ durch. Doch meine im Oktober 2018 gekaufte Tuono läuft wie ein Uhrwerk. Ein Rückruf erfolgte von Brembo: Auf zum Händler (Vierzigmann/Dietzhof), nach 15 Minuten waren zwei neue Sätze Bremsbeläge installiert, gratis. Wie gut, die alten waren eh ziemlich runter.
Aprilias USB-Buchse kokelte nach einem Sommer ab. Ursache: Ein Kabel hatte sich durchgescheuert. 50 € mit Montage. Die große Inspektion bei 20.000 km mit Ventileinstellen plus neues Gabelöl plus TÜV kostete 1.600 €. V4-Motoren sind aufwendige Konstruktion, das spürt der Geldbeutel.
Bei 30.000 km ärgerten mich ein paar Dinge. Denn bisher lief sie ja klasse. Minimaler Wasserverlust an der Wasserpumpe bedeuteten: Neuteil samt neuem Thermostat und neuen Schläuchen. Zweites Ärgernis war die Umlenkhebelei. Typische Schwachstelle, sagte der Mechaniker. Entlastete das Hinterrad über den Seitenständer und ich durfte selbst fühlen. Ja, alle Nadellager müssen neu.
Dass das originale Ritzel hinter der Abdeckung stark verschlissen war, trotz Kettenöler, fällt kaum ins Gewicht. Leistung kostet eben. Wir wechselten den 525er Kettensatz komplett. Und haben jetzt hoffentlich bis 60.000 km Ruhe. Auf dass die Tuono wieder Tarantella tanzen kann!
Günter Wimme
Hauptsache, brumm brumm. Liebt Motorräder und Scooter. Hat sein ganzes Berufsleben damit verbracht: als Testredakteur bei MO, Chefredakteur von SCOOTER & Sport und Rennstrecken-Instruktor. Für Reisen schwärmt er von seinem Honda Forza 300 (fast 90.000 km). Beim Endurowandern steht er auf leichte Ware wie Beta Alp 200 oder Honda CRF 300 L. Für die wilden fünf Minuten liebt er seine Aprilia Tuono 1100 V4. Traumbikes: Honda RC30, Scout Flying Squirrel.
Motto: It’s the rider, not the bike.