Beta Alp 200 (2013)
Enduro
Beta Alp 200
Baujahr 2013, 11.000 km, 3,5-4 l/100 km
„Nix kann sie. Und schon gar nicht gut“ sagt ein Freund über sie. Er besitzt selbst eine 2014er und hat mir die Mini-Beta ausdrücklich ans Herz gelegt. „Sie federt nicht gut. Sie bremst nicht gut. Sie hat keine Leistung. Aber auf unseren Pfaden ist sie das beste Normalbike. Denn unsere wilden Trialzeiten sind längst vorbei. Aber hier macht die Alp am meisten Spaß.“
Das Entscheidende sind natürlich „unsere Pfade“. Vor allem in Italien, z.B. in den Westalpen, in Ligurien oder im Piemont. Natürlich auch sehr steile Auf- und Abfahrten in der Lombardei am Iseosee, wo manchmal sogar MTB-Rennen ausgeschildert sind.
Lauter kleine, vertrackte Single Trails, wo du keine 150 PS benötigst. Wo dich 250 kg, ja selbst 200 kg massiv beeinträchtigen. Elektronische Hilfsmittel? Quatsch, hier würdest du eh alle abschalten. Sicher ist sicher, nur die Trails und du zählen.
Hier auf diesen Minipfaden, über Wurzelwerk, rutschige Steine und loses Geröll fängt diese unscheinbare Beta Alp 200 an zu leuchten. Auf „unseren Pfaden“ stehst du vor engsten und schrägen Haarnadelkurven, ohne dass die Beta an ihren Lenkanschlag stößt. Du kannst den Lenker unerhört weit drehen, viel weiter als auf jeder Straßen-Enduro. Und das macht es dir hier leicht.
Luftgekühlter Suzuki-Motor: ein Mini-Traktor
Leicht macht es dir hier außerdem ihr Motor. Luftgekühlt, 200 Kubik, 15 PS, das klingt bitter. Nach Muskelschwund. Dieser uralte Zweiventiler stammt aus der Suzuki DR 200 und fährt sich „auf unseren Pfaden“ exzellent. Er schiebt nämlich beharrlich vorwärts, auch aus niedrigen Drehzahlen. Wie ein kleiner Traktor, putt-putt-putt. Seine dieselige Charakteristik hilft dir aus brenzligen Situationen.
Dank Gleichdruckvergaser nimmt er wunderbar weich das Gas an. Du spürst genau, was sich tut. Und du hast alles mit deiner rechten Hand fein unter Kontrolle. Wer braucht da schon eine Traktionskontrolle? Die das Zuviel an Leistung wegregeln muss, damit du nicht stürzt. Nein, an der Beta Alp 200 ist kein Firlefanz dran. Rauh und ehrlich nach der Devise: simple is best.
Das macht sie nicht nur preisgünstig. Sondern auch leicht. Rund 110 kg bringt sie vollgetankt auf die Waage. Habe sie nie draufgestellt. Unnötig, du spürst es beim Aufheben. Nicht leicht wie eine Feder (Montesa 4Ride rund 85 kg), aber deutlich flockiger aus dem Gebüsch zu bugsieren als eine Honda CRF 300 L. Die gilt mit ihren 142 kg bereits als magersüchtig.
Ha ha, wenn du dich allein mutig ins Unbekannte stürzt. Und, ja, das kommt vor: stürzt. Meist liegt die Fuhre ja nicht 45 Grad schräg, was nur Boxerfreunde glauben. Sondern Vorderrad voran auf 135 Grad halb im Graben. Da ist die Beta Alp bumbel aufzuheben, auch solo. Motorradfahren leichtgemacht.
Elektrostarter macht das Enduro-Leben leicht
Was mir persönlich extrem wichtig ist: Elektrostarter an Bord. Ich will auf steilen, kiesigen oder morastigen Wegen nicht zigmal kicken müssen. Sorry, dafür bin ich zu alt. Das ist 19. Jahrhundert für mich. Wieso seine Kräfte unnötig verschwenden, wenn es ein zarter Daumendruck tut? Meine begrenzten Energiereserven brauche ich für fordernde Trails.
Ich möchte mich auch nicht an schwer zu fahrenden Maschinen aufreiben. Zu ihnen gehört die KTM Freeride. 10 kg leichter als die Beta, 10 PS stärker, viel bessere Federung, stärker zupackende Bremsen. Auf dem Papier eine klare Sache: Goliath gegen David.
Die Wirklichkeit in den alpinen Bergwelten sieht anders aus. Die KTM funktioniert nur dann, wenn du es fliegen lässt. Ready to race, ein bis zwei Gänge höher und schneller unterwegs. Nur: Auf „unseren Pfaden“ gibt es auch Mountainbiker und Wanderer, es sind keine abgesperrten Rennstrecken ausschließlich für uns. Außerdem musst du mit Wild rechnen. Tempo gefährdet, dich und andere.
Wenn du mit der Freeride langsamer fährst, sträubt sie sich. Beim Gasanlegen in Haarnadeln zum Beispiel. Zu vorsichtig, und sie stirbt ab. Plöpp, Motor aus. Du kippst um und liegst doof auf den Steinen, die Rippen schmerzen. Gibst du mehr Gas, steigt das Vorderrad. Du klammerst dich am Lenker fest aus Angst um dein Leben, und so sehen deine Hände nach einer Stunde aus: schwarz abgefärbt, Angstschweiß. Das macht schlapp.
Unterschied zur ready to race-KTM Freeride
Steigst du direkt danach auf den unscheinbaren Berg-Esel Beta Alp 200 um, fühlst du dich wie verwandelt. Das Ding macht dir das Leben leicht, du freust dich und strahlst. Knatter knatter, kein Stress. Die Beta überfordert dich nicht. Nicht mal auf schwierigen Teilstücken. Steigendes Vorderrad? Wheelie ist ein Fremdwort für die italienische Bergziege. Endurowandern im Schonprogramm. Macht den Blick frei für die herrlichen Aussichten jenseits 2.000 km Meereshöhe.
Du lachst bei „Schonprogramm“? Ich kann mich noch an den TransEuroTrail (TET) in Mittelwales erinnern. Eine Enduro-Hochburg für die hohe Schule des Offroadens. Ich allein unterwegs, deshalb die leichte Alp 200. Morgens traf ich an diversen Schafgattern stets die gleiche Truppe. Mal hielt ich das Tor auf, mal sie. Seid ihr auch auf dem TET unterwegs? Was das ist, wollten sie wissen. Sie fahren nur ihre örtlichen Wege. Willst du mit?
Na klar. Einige CRF 250 L, aber auch Zweitakt-300er. Und ich als einziger Deutscher mit dem winzigen Beta dazwischen. Kann ja heiter werden. Wurde es. Weil es erstens schwierig wurde. Und zweitens sich die Beta derart tapfer schlug, dass selbst die Zweitaktfahrer staunten. No fuzz, einfach nur fahren, mühelos. Nice little bike, indeed.
Das gilt übrigens auch für die Wartung. Sie macht meistens keine 1.000 km pro Jahr bei mir. Trotzdem gönne ich ihr alle 1-2 Jahre frisches Öl, reinige den K&N-Luftfilter häufig. Neue Bremsflüssigkeit DOT 4 ist nötig vor jedem Alpeneinsatz. Das ganze Wellnessprogramm kostet nicht die Welt. Nach sieben Jahren wurden die beiden Ventile gecheckt, alles okay.
Reifenverschleiß? Die werden eher hart als abgenutzt. Meine Mitas ET-01 oder Heidenau K67 wanderten nach zig Jahren in den Müll. Mit viel Restprofil wegen Aushärtung. Für 2025 hatte ich erstmals Pirelli MT43 montiert, sehr gute Allrounder mit gefühlt mehr Grip als die oben genannten. Für sündteure Michelin X11 Competition reicht mein Fahrkönnen nicht aus.
Gebraucht ein begehrtes Teil ohne Wertverlust
Meine Alp ist übrigens ein Gebrauchtkauf. Burkhard vom sehr empfehlenswerten Betabikes-Forum verschaffte Kontakt zu einem Verkäufer, übrigens ganz in meiner Nähe. Die Probefahrt wäre fast zum Desaster geworden, weil die Möhre in der Pampa abstarb und ums Verrecken nicht mehr anspringen wollte. Ich schob dampfend zurück. Ursache: Benzinhahn war nicht geöffnet. Tja…
Viele Teile von Betabikes sind an meiner Alp 200 verbaut. Dicker Motorschutz, weichere Gabelfedern, weichere Feder am Federbein, Dreckschutz für die Umlenkung. Nach hinten versetzte Fußrasten-Aufnahmen, kurzer Schalthebel. Dazu S3-Fußrasten, auf denen du den ganzen Tag bequem stehen kannst. Alle Plastik-Verkleidungsteile liegen alle neuwertig im Keller. Was nicht dran ist, kann nicht kaputtgehen. Die Sitzbank aus dem Urban-Modell für mehr Trial-Look. Kotfügel etwas höher gesetzt. Danke für die viele Arbeit, lieber Vorbesitzer.
Alles prima? Nein, trotz regelmäßigen Abschmierens quietschen Umlenkhebelei und Federbein nach kurzer Zeit wieder. Nicht nur an meiner eigenen Alp. Und schon klar: Wenn es unterwegs holprig wird, musst du hellwach sein. Du darfst keine Löcher übersehen, sondern musst abbremsen.
Wo eine Freeride locker drüberbügelt, musst die mit der lahmeren Beta das Tempo drosseln. Sonst schlägt es gnadenlos durch, vielleicht wirft sie dich dann ab. Also liebe Eile mit Weile. Das ist die Quintessenz des Endurowanderns. Und dafür scheint die Beta Alp 200 alternativlos.
Günter Wimme
Hauptsache, brumm brumm. Liebt Motorräder und Scooter. Hat sein ganzes Berufsleben damit verbracht: als Testredakteur bei MO, Chefredakteur von SCOOTER & Sport und Rennstrecken-Instruktor. Für Reisen schwärmt er von seinem Honda Forza 300 (fast 90.000 km). Beim Endurowandern steht er auf leichte Ware wie Beta Alp 200 oder Honda CRF 300 L. Für die wilden fünf Minuten liebt er seine Aprilia Tuono 1100 V4. Traumbikes: Honda RC30, Scout Flying Squirrel.
Motto: It’s the rider, not the bike.