Honda CRF 300 L (2022)
Enduro
Honda CRF 300 L
Baujahr 2022, 19.000 km, 3,0-3,6 l/100 km
Was Leichteres fürs Gelände sollte her. Lange liebäugelte ich mit der Kove 450 Rally, dem ersten legendären Bike aus China. Ich schaute auf unsere fränkischen Tracks und erkannte, das ein Dakar-Rallybike wie die Kove Tempo braucht – ziemlich kontraproduktiv in unserer Gegend. Deshalb wurde es die vernünftige Honda.
Vernünftig sind z.B. 12.000 km lange Wartungsintervalle. Zubehörteile en masse. Nur 142 kg vollgetankt. Leise. Nicht aberwitzig hoch. Und halt vom berauschenden Ruf der weltumrundenden Technik umweht.
Außerdem habe ich einen exzellenten Honda-Händler, dem ich seit 30 Jahren vertraue. Merke: Das erste Motorrad kaufst du. Das zweite der Händler. Um wieviel besser muss eine andere Marke sein, dass ich nicht zu Horst Hübler gehe?
Vernunftkauf, gebraucht aus Bautzen
Die CRF kaufte ich gebraucht in Bautzen. Hatte alles dran, vor allem ein Wilbers-Federbein statt der serienmäßigen Luftpumpe. Der Verkäufer wollte was Tourentauglicheres wie eine Ténéré 700 und klang vertrauenswürdig, also machte ich mich im Februar 2024 auf den Weg.
Die Probefahrt war meine erste Fahrt überhaupt mit der CRF. Nach einem Kilometer war klar: Sie passt mir wie ein Handschuh. 30 Jahre als Motorrad- und Scootertester machen entscheidungsstark. Händeschütteln, Bargeld, im Transporter zurück nach Nürnberg. Im Hinterkopf eine Notiz vermerken: Bautzen ist schön, beim nächsten Mal besichtigen.
Natürlich sind 27 PS keine druckvolle Rakete. Mit neuen Reifen und klein geduckt gehen nach einigem Anlauf echte 140 km/h Topspeed. Aber das probierte ich nur einmal interessehalber. Ihr wahres Einsatzgebiet sind Trails. Und ehrlich gesagt, für meine Fahrkünste reicht die Leistung aus.
Du musst dich nur trauen, den Gasgriff bis zum Anschlag zu drehen. 100%. Wenn das Hinterrad auf Schotter durchdreht, drehen viele das Gas lieber zu, ohne es zu merken. Ui ui ui! Zeige mir deine Wege, und ich sage dir, ob die CRF zu dir passt.
Ideal für Entdecken beim Endurowandern
Meine Wege sind klein, versteckt. Selten mehr als eine drei Meter breite und ebene Schotterpiste. Im fränkischen Sommer staubt es, da musst du Tempo drosseln, weil du sonst Staubschleppen à la Dakar nach dir ziehst. Da sieht niemand gern: Bauern, Wanderer, Radfahrer, Gassigeher, Reiter. Wir wollen ja auch morgen noch Endurowandern. Also Entspannung statt Speed.
Mit der CRF traue ich mich in die kleinsten Pfade hinein, auch solo. Das kann noch so vertrackt sein, weil ich weiß – die Honda packt es. Und mit ihr packe ich es. Meine Lernkurve im Gelände steigt mit dieser ach so unsportlichen Maschine steil an. Sie macht es mir leicht, sie überfordert mich nicht.
Super finde ich, dass die ersten vier Gänge kurz übersetzt sind. Im ersten Gang ohne Gasgeben Tempo 7 laut Tacho, im vierten Tacho 32. Da wäre eine GS noch im ersten. Gerade bergauf und steil bergab, z.B. in den Alpen, ist das eine Wucht. Motorbremsen entspannt! Und im Ersten kraxelt sie die steilsten Wege hoch. Mit Originalübersetzung 14-40.
Fahrhilfen? ABS ist an Bord. Leider lässt es sich nur hinten abschalten, aber vorn überhaupt nicht. Erstaunlicherweise funktioniert es selbst in den Westalpen oder in der steilen Lombardei gar nicht mal so schlecht. Ich lasse es inzwischen immer aktiviert, jedes Mal mit Knopfdruck ausschalten nervt. Ich könnte auch gut ohne den ganzen Elektronik-Zinnober leben. Motorradfahren pur, der Pfad und du, nur ihr beide.
Die Gabel ist wie ab Werk. Weich gefedert, super fürs Fühlen. Aber schlecht fürs Bolzen. Überhaupt wirkt die CRF-Vorderhand beweglich, agil. Längst nicht so bolzstabil wie z.B. die Kove 450 Rally. Die schreit nach Gas, während dir die Honda zuraunt: bassd scho, reicht.
Für mich ist das okay. Ein paar Softtaschen und eine wasserdichte Rolle auf den Adventure Spec-Gepäckträger geschnallt, los geht die Reise. Auf die ACTs Frankreich und Rumänien, den TET Norditalien oder einfach in den Brandenburger Sandkasten. Das Enduroleben kann so leicht sein. Weniger ist hier tatsächlich mehr.
Meine Reifen auf der CRF 300
Der Vorbesitzer hatte Bridgestone A41 montiert. Sehr gute Ware, verblüffend auf der Straße, macht sehr viel Wildes im Gelände mit. Kostet aber Laufleistung am Hinterrad. Inzwischen sind Michelin Tracker meine Lieblinge. Offroad nochmal ein klarer Performance-Sprung, ohne auf der Straße groß an Spaß einzubüßen. Das sie 10% schneller verschleißen, sei’s drum. Die Tracker-Preise sind echt attraktiv.
Und sie lassen sich, weil weich in den Flanken, auch unterwegs passabel demontieren. Platte Reifen kommen vor, öfter als man glaubt. Ich hatte eine Pechsträhne mit drei Platten hinten und einem vorne - in nur zwölf Monaten. Alle in der Laufstreifenmitte. Und sage klar: Moderne 70-30 oder 50-50-Reifen sind so steif, dass du sie unterwegs kaum demontiert bekommst. Schlauchreifen sind für uns Normalfahrer Mist!
Hat das etwa der Bestseller BMW GS? Natürlich nicht. Sondern Kreuzspeichenfelgen und ein Reparaturset. Nach 15 Minuten rollt der Boxer, während du noch immer fluchend schwitzt. Den Irrweg mit Schlauchreifen beschreiten aber immer mehr Alltags-Enduros. So ein Schmarrn.
Günter Wimme
Hauptsache, brumm brumm. Liebt Motorräder und Scooter. Hat sein ganzes Berufsleben damit verbracht: als Testredakteur bei MO, Chefredakteur von SCOOTER & Sport und Rennstrecken-Instruktor. Für Reisen schwärmt er von seinem Honda Forza 300 (fast 90.000 km). Beim Endurowandern steht er auf leichte Ware wie Beta Alp 200 oder Honda CRF 300 L. Für die wilden fünf Minuten liebt er seine Aprilia Tuono 1100 V4. Traumbikes: Honda RC30, Scout Flying Squirrel.
Motto: It’s the rider, not the bike.