Honda Forza 300 (2018)
Scooter
Honda Forza 300
Baujahr 2018, 89.000 km, 2,8-4,2 l/100 km
„Das ist der richtige für dich“. So euphorisch kam mein Kollege bei SCOOTER & Sport von der Präsentation des Honda-Tourers zurück. Reinhold Wagner kennt mich seit Jahrzehnten genau. Also bestellte ich den Forza blind, ein Jahr später verkaufte ich meinen Silver Wing 600. Zu groß, zu schwer, brauche ich nicht. Auf einen Schlag 55 kg gespart, da tue ich mich als Nürnberger Innenstädter viel leichter.
Iiih, wie kannst du nur, fragen mich Motorradfahrer entsetzt. Nun, probiert doch mal so einen Reisescooter aus. Ohne Vorurteile. Ziemlich geil. Ich brauche als Tourenveranstalter ein langstreckentaugliches Fahrzeug, mit viel Wetterschutz und noch mehr Stauraum. Es soll absolut problemlos laufen, mich schonen und dafür bekommt es 12.000 bis 14.000 km pro Jahr aufgebrummt.
Da nimmst am besten eine RT, rieten mir Freunde. Nun, feixe ich immer zurück, die kostet dreimal soviel, wiegt 100 kg mehr und die Leistung brauche ich nicht. Vorneweg als Tourguide brauchst du nicht viele Pferdestärken, der letzte in der Gruppe viel eher.
Ein elektrisch stufenlos einstellbares Windschild hat auch mein Forza, dazu extrem viel Platz. Zwei Integralhelme passen unter die Sitzbank, zwei weitere ins serienmäßige Cockpit, dazu ein tiefes Handschuhfach. Dabei bin ich ohne fette Seitenkoffer so schmal wie eh und je, kann mich also durch jeden Stau durchmogeln ohne hängenzubleiben.
Die ideale Reisemaschine mit Automatik
Noch idealer freilich ist die Variomatik. Fahren ohne Schalten, das ist gerade auf Reisen der Hit. Bei Passfahrten konzentrierst du dich auf Linie und Einlenken, dann einfach ans Gas. Sehr lässig. Das schont Nerven, erhöht den Spaß. Ja, ich kann schalten (Ironie). Aber wozu sollte ich das müssen?
Und die Leistung? 25 PS hauen sicher keinen vom Hocker. 129 km/h echte Topspeed, aber nur, wenn Keilriemen und Hinterreifen neu sind. Am besten fährst du zwischen Tacho 110 und 120. Ach ja, Tacho und Kilometerzähler gehen bis zu 10% vor. Aber einen echten 100er Schnitt fährst du entspannt über Autobahnen.
Wenn ich aus meinem Stall ein Fahrzeug wählen müsste, um sagen wir, in meine zweite Heimat Wales zu düsen oder in die Westalpen, also 1.000 km pro Tag und mehr – voilà, würde ich zum Honda Forza greifen. Irgendwann wird es mal einen 350er geben, der ist fast zehn Sachen flotter und beschleunigt zu zweit so fix wie mein 300er allein.
Als Langstreckler finde ich 12.000 km lange Inspektionsintervalle geldbeutelschonend prima. Gut einmal im Jahr zum meinem Freundlichen (Honda Hübler/Oberasbach), das passt. Allerdings traten über die lange Laufzeit einige Dinge zutage, die nicht immer zu Hondas makellosem Unzerstörbar-Ruf passen.
Nicht 100% zuverlässig auf 90.000 km
Dass die vordere Bremsscheibe bei 40.000 km ersetzte werden musste für ‘nen Hunderter, lässt sich auf meine ausgiebigen Bremsbelag-Vergleichstests zurückführen. Dass das Lenkkopflager getauscht werden musste, schon weniger. Eine Mordsarbeit bei so einem vollverkleideten Fahrzeug. Die Gabelsimmeringe wurden irgendwann undicht und ölten.
Der Auspuff-Endtopf klapperte immer stärker. Würde ohne alles bei Honda über 600 Euro kosten, zum Glück fand sich auf Kleinanzeigen günstiger Ersatz. Beim Losschrauben der Lambdasonde brach ihr Anschluss, Korrosion, seufz.
Für mich muss ein Fahrzeug in erster Linie zuverlässig laufen. Doch der Forza ließ mich zweimal im Stich. Beides Mal in den österreichischen Alpen mit Überhitzung. Beim ersten Mal gab es einen neuen Thermostat. Beim zweiten Mal wieder, beim Kärntner Honda-Händler. 150 Euro ärmer stand ich keine zehn Kilometer erneut, gleicher Befund. Da koche nicht nur der Kühler.
Mein heimischer Händler nahm sich der Sache an und fand heraus, dass die Zylinderkopfdichtung an einer Stelle eine Vertiefung aufwies, ganz in der Nähe eines Kühlwasserkanals. Kann sein, dass der Verbrennungsdruck auf Passfahrten eine Schwachstelle fand, in den Überlaufbehälter drückte und Alarmstufe Rot auflöste. Auf jeden Fall eine vielstündige Reparatur durch Motorausbau. 8.000 km später keine weiteren Hitzeprobleme, toi toi toi.
Warum ich nicht längst einen Nachfolger kaufte? Weil es mich interessiert, wie lange die Möhre durchhält. Vom Zylinderkopf ist sie identisch zur CRF 300 L/Rally. Und wenn der Forza die Grätsche macht, steht ja Ersatz in der Garage. Im Sommer 2025 musste deshalb auf meinen Touren die olle Transalp einspringen. Was sie bravourös erledigte.
Reifen für den Honda Forza 300/350
Ach ja, Reifen. Habe ich so ziemlich alle durchprobiert. Geht es um reine Performance, geht nichts über Dunlop ScootSmart. Wichtig: Aus Frankreich! Die aus Indonesien oder Slowenien sehen gleich aus, fahren aber ganz anders. Viel braver. Mein Liebling derzeit heißt Bridgestone SC1. Allerdings hätte ich in Sachen Laufleistung gern den Heidenau K64 rear zurück. Der war zwar hüftsteif-unhandlich, konnte aber sonst alles vorzüglich. Bei doppelter bis dreifacher Laufzeit. Schade, dass es ihn nicht mehr gibt.
Günter Wimme
Hauptsache, brumm brumm. Liebt Motorräder und Scooter. Hat sein ganzes Berufsleben damit verbracht: als Testredakteur bei MO, Chefredakteur von SCOOTER & Sport und Rennstrecken-Instruktor. Für Reisen schwärmt er von seinem Honda Forza 300 (fast 90.000 km). Beim Endurowandern steht er auf leichte Ware wie Beta Alp 200 oder Honda CRF 300 L. Für die wilden fünf Minuten liebt er seine Aprilia Tuono 1100 V4. Traumbikes: Honda RC30, Scout Flying Squirrel.
Motto: It’s the rider, not the bike.