Als der Wertverlust plötzlich nicht mehr kam
Eine kleine Corona-Geschichte über gebrauchte Motorräder und große Gefühle
Früher war die Welt des Motorradfahrers, zumindest ökonomisch betrachtet, ein erstaunlich verlässlicher Ort. Man kaufte ein neues Motorrad, verlor beim Herausrollen aus dem Showroom augenblicklich einen spürbaren Teil seines Geldes, ärgerte sich kurz, akzeptierte es dann aber als naturgegebenes Ritual – und freute sich insgeheim darauf, Jahre später selbst einmal derjenige zu sein, der genau dieses Wertverlust-Drama elegant umgeht, indem er einfach gebraucht kauft. Geduld wurde belohnt, Vernunft fühlte sich klug an, und der Markt folgte Regeln, die so stabil wirkten wie ein gut eingestelltes Fahrwerk.
Dann kam Corona. Und mit ihr verschwand nicht nur der Reiseplan, sondern überraschenderweise auch eine der ältesten Gewissheiten des Motorradlebens: dass Dinge mit der Zeit automatisch billiger werden.
Plötzlich war die Lage eine andere. Neue Motorräder waren schwer zu bekommen, Lieferzeiten wurden zu Geduldsproben, und gleichzeitig entdeckten erstaunlich viele Menschen das Motorradfahren als eine der wenigen verbleibenden Möglichkeiten, sich frei zu fühlen, ohne dabei gegen Vorschriften zu verstoßen. Geld, das sonst in Urlaube, Veranstaltungen oder andere Vergnügungen geflossen wäre, suchte sich neue Ziele – und fand sie nicht selten in der Gebrauchtbörse.
Was dann geschah, lässt sich mit einem einzigen, sehr einfachen wirtschaftlichen Prinzip erklären, das in der Theorie harmlos klingt und in der Praxis erstaunlich schmerzhaft sein kann: Wenn viele kaufen wollen und wenig verfügbar ist, steigen die Preise. Und sie steigen nicht höflich, langsam oder rücksichtsvoll, sondern gern auch ziemlich deutlich.
Innerhalb weniger Jahre kletterten die durchschnittlichen Gebrauchtpreise spürbar nach oben, in Summe um mehr als ein Drittel gegenüber der Zeit vor der Pandemie. Anfang 2023 lag der Durchschnitt zeitweise sogar jenseits der 9.000-Euro-Marke – ein Bereich, in dem man früher bereits begann, ernsthaft über ein neues Motorrad nachzudenken, statt über ein gebrauchtes.
Das eigentlich Bemerkenswerte daran war jedoch weniger die absolute Höhe der Preise als das Gefühl, dass ein vertrautes Naturgesetz plötzlich außer Kraft gesetzt worden war. Motorräder verloren nicht mehr selbstverständlich an Wert. Drei Jahre alte Maschinen lagen preislich dicht am Neuzustand, gepflegte Exemplare wurden eher teurer als günstiger, und selbst durchschnittliche Alltagsbikes bewegten sich auf einem Niveau, das früher eher ambitioniert gewirkt hätte. Für viele erfahrene Fahrer fühlte sich das weniger wie ein normaler Markt an, sondern eher wie eine Auktion, die einfach nicht enden wollte.
Inzwischen hat sich die Situation ein Stück weit beruhigt. Neue Motorräder sind wieder besser verfügbar, der unmittelbare Nachfragedruck ist geringer, und auch die Gebrauchtpreise geben hier und da leicht nach. Doch wer auf eine vollständige Rückkehr zu den Verhältnissen von 2019 hofft, dürfte enttäuscht werden. Märkte besitzen ein erstaunlich gutes Gedächtnis, und Preisniveaus, die einmal akzeptiert wurden, verschwinden selten spurlos.
Vielleicht liegt die nachhaltigste Veränderung deshalb gar nicht im Preis selbst, sondern in unserer Erwartung. Früher bedeutete Geduld fast automatisch sparen. Heute bedeutet Geduld vor allem, abzuwarten, wie viel man am Ende bezahlen wird – nicht ob es deutlich weniger sein wird.
Und genau darin steckt die eigentliche Pointe dieser Jahre:
Das Motorrad hat sich kaum verändert. Die Sehnsucht nach Freiheit schon gar nicht.
Aber der Moment, in dem „gebraucht“ zuverlässig „günstig“ bedeutete,
der ist irgendwo zwischen Lockdown und Lieferkette leise verschwunden.