Warum holt sich Viñales Lorenzo als Coach?
Wer sind die beiden überhaupt?
- Maverick Viñales: Extrem schnell. Aber manchmal schwankt er – mal Sieg, mal Mittelmaß.
- Jorge Lorenzo: Ex-Weltmeister. Berühmt für butterweiches Fahren: bremsen, einlenken, Gas – alles wie mit Lautstärkeregler, nicht Lichtschalter.
Stell dir das Ganze so vor:
Maverick Viñales ist jemand, der Motorradfahren auf absolutem Weltklasse-Niveau beherrscht. Aber selbst auf diesem Niveau gibt es Tage, an denen alles flutscht – und andere, an denen es einfach nicht zusammenkommt. Genau dieses „Warum geht es heute nicht genauso gut wie gestern?“ nervt ihn seit Jahren. Und genau deshalb holt er sich den fünfmaligen Weltmeister Jorge Lorenzo als Coach.
Lorenzo war nie der Typ „alles mit Gewalt“. Er war der Fahrer, bei dem alles ruhig aussah: Bremsen, Einlenken, Gas geben – nichts ruckartig, nichts hektisch. Viñales weiß: Wenn mir jemand zeigen kann, wo ich unruhig bin, ohne dass ich es merke, dann ist es genau dieser Typ.
Der Punkt ist nämlich: Viñales will sich nicht neu erfinden. Er will keine komplett andere Linie fahren und kein anderer Mensch werden. Er will die kleinen Fehler loswerden, die man selbst kaum spürt, die aber Zeit, Vertrauen und Konstanz kosten. Lorenzo schaut von außen drauf und sagt sinngemäß: „Hier bist du zu hastig. Dort willst du zu früh zu viel. Und da sitzt du dir selbst im Weg.“
So arbeiten die beiden auch. Nicht nach dem Motto „fahr tausend Runden und hoffe, dass es besser wird“, sondern sehr gezielt. Eine Trainingseinheit hat ein klares Thema. Mal geht es nur ums Bremsen. Mal nur um den ersten Kontakt mit dem Gas. Mal um Sitzposition und Körperspannung. Alles andere wird ausgeblendet. Das klingt simpel, ist aber brutal effektiv – weil dein Gehirn sich auf eine Sache konzentrieren kann.
Ein wichtiger Punkt ist außerdem, dass Viñales bewusst aus seiner Komfortzone rausgeht. Früher hat er schlechte Bedingungen eher gemieden. Jetzt fährt er absichtlich dann, wenn Grip mies ist, es kalt oder unangenehm ist. Nicht um mutig zu sein, sondern weil dort jede Hektik sofort bestraft wird. Wenn du bei wenig Grip sauber und ruhig fahren kannst, kannst du es bei guten Bedingungen erst recht. Lorenzo nutzt genau das als Lehrmeister.
Was dabei auffällt: Es geht fast nie um spektakuläre Dinge. Sondern um langweilige Basics. Wie locker sind die Arme? Trägst du dein Gewicht mit dem Oberkörper oder mit den Beinen? Wie fließend ist der Übergang von Bremsen zu Einlenken? Das sind keine Dinge, über die man am Stammtisch redet – aber genau dort entstehen Kontrolle und Konstanz.
Und jetzt das Entscheidende: Das kannst du eins zu eins auf dich übertragen, auch ohne Rennstrecke und Datenanalyse.
Wenn du Motorrad fährst, bringt es erstaunlich wenig, einfach nur „eine Runde zu drehen“. Viel besser ist es, wenn du dir vor der Fahrt eine einzige Sache vornimmst. Zum Beispiel: Heute bremse ich bewusst sanfter und gleichmäßiger. Oder: Heute achte ich nur auf meinen Blick – weit nach vorne, nicht direkt vors Vorderrad. Alles andere ist egal. Schon nach wenigen Fahrten merkst du: Das bleibt hängen.
Ein weiterer großer Lernpunkt aus der Lorenzo-Schule ist dieses Mantra: Sanft ist nicht langsam. Sanft ist kontrolliert. Die meisten Unsicherheiten entstehen durch abrupte Bewegungen. Zu hart bremsen. Zu schnell Gas auf. Zu plötzlich loslassen. Wenn du dir angewöhnt hast, alles wie mit einem Dimmer zu machen statt mit einem Schalter, fühlt sich das Motorrad sofort ruhiger an – und du gleich mit.
Auch Ergonomie ist kein Profi-Luxus. Wenn Hebel schlecht eingestellt sind, du verkrampft auf dem Lenker hängst oder dein Körpergewicht ständig auf den Armen lastet, arbeitest du gegen dein eigenes Motorrad. Ein kleiner Check hier bringt oft mehr als jede „Technikdiskussion“.
Und vielleicht der wichtigste Punkt, den Viñales von Lorenzo mitnimmt und den jeder Motorradfahrer brauchen kann: Konstanz schlägt Mut. Eine saubere, entspannte Kurve zehnmal hintereinander ist echtes Können. Eine einzelne „Heldentat-Kurve“ fühlt sich gut an, bringt dich aber fahrerisch nicht weiter.
Unterm Strich ist die Botschaft ganz einfach: Profis werden nicht besser, weil sie mehr riskieren. Sie werden besser, weil sie ruhiger, klarer und bewusster fahren. Genau das kannst du dir abschauen – ganz ohne Rennlizenz.