Test Aprilia Tuono 660 Factory (2026)

105 PS, 181 kg – das vollständigste Naked Bike der Klasse

Die Tuono 660 Factory ist das einzige Motorrad in dieser Kategorie. Aprilia hat die normale Tuono 660 gestrichen – wer den 660er-Twin mit vollem Elektronikpaket und Öhlins-Fahrwerk will, kauft die Factory. 105 PS, 181 kg, Kurven-ABS, Quickshifter serienmäßig. Der Test zeigt, ob das Paket hält, was es verspricht.

Stand: 17.3.2026 | Getestetes Modell: Aprilia Tuono 660 Factory (2026) | Preis: 11.499 Euro

Motor: Der RS-660-Twin, mit Durchzug optimiert

105 PS aus 659 cm³ – der Motor der Tuono 660 Factory ist identisch mit dem der RS 660, aber anders übersetzt. Aprilia hat die Endübersetzung gegenüber der RS um sechs Prozent verkürzt, was dem Naked Bike in der unteren Drehzahlhälfte spürbar mehr Durchzug gibt. Die RS 660 hat ein bekanntes Leistungsloch um 6.000 Touren; in der Tuono ist das deutlich weniger ausgeprägt. Das Ergebnis ist ein Motor, der im Alltag linearer und alltagstauglicher wirkt als sein Superbike-Pendant – und auf der Landstraße geschmeidiger zu fahren ist.

Der 270°-Hubzapfenversatz der Kurbelwelle ist das Charaktermerkmal dieses Twin: Das ungleichmäßige Zündintervall erzeugt einen Sound, der eher nach V2 als nach Parallel-Twin klingt. Das ist kein Marketingtrick, das hört man. Wer von einem Reihenvierzylinder kommt und seinen ersten 660er-Start erlebt, ist überrascht. Nach dem dritten Gang auf einer Alpenstraße ist man überzeugt.

70 Nm Drehmoment bei 8.400 Touren – das klingt wie ein Motor, der erst sehr oben lebendig wird. In der Praxis ist das anders: Schon ab 4.000 Touren zieht der Twin kräftig durch, die obere Drehzahlhälfte ab 8.000 Touren liefert dann den echten Vorwärtsschub. Der Begrenzer setzt bei 11.500 Touren ein. Wer auf der Rennstrecke nicht aufpasst, gerät regelmäßig hinein. Das ist kein Vorwurf, das ist das Zeichen eines Motors, der bis ans Limit Spaß macht. Die 52-mm-Drosselklappen (seit dem 2025er-Update) und das neue Ride-by-Wire-Mapping machen die Gasannahme feinfühliger als beim Vorgänger.

Ein Hinweis, der ehrlich gemacht werden muss: Das Standgeräusch liegt bei 96 dB(A) – das ist laut. In Tirol und anderen Gebieten mit Lärmschutzvorschriften ist das ein ernstes Problem: Fahrverbot. Wer regelmäßig in lärmgeregelten Gebirgsregionen fährt, informiert sich besser vorab. Die Serienbereifung mit Pirelli Diablo Rosso IV ist ein angemessener Sportreifen für diese Leistungsklasse.

Fahrwerk: Öhlins, volleinstellbar – und man spürt es

Ab dem Modelljahr 2025 trägt die Tuono 660 Factory Öhlins-Fahrwerk: vorne eine NIX-30-Upside-down-Gabel mit 43-mm-Standrohren, hinten ein STX-46-Federbein mit integriertem Reservoir. Beide sind volleinstellbar in Federvorspannung, Zug- und Druckstufendämpfung. Das ist kein Entry-Level-Setup, das ist Fahrwerk für ambitionierte Fahrer – und der Hauptunterschied gegenüber der früheren Basis-Tuono 660, die mit Kayaba-Komponenten arbeitete.

Das Fahrergebnis: Die Tuono 660 Factory liegt präzise, gibt klare Rückmeldung über Vorder- und Hinterrad und lässt sich mit einem direkten Lenkimpuls einlenken. Mit 181 kg vollgetankt ist sie eines der leichtesten Motorräder dieser Leistungsklasse – das spürt man im Einlenkverhalten, beim schnellen Richtungswechsel, beim aktiven Fahren auf der Landstraße. Wer von einem schwereren Motorrad kommt, ist überrascht, wie wenig Kraft die Tuono für dynamische Manöver braucht.

Auf der Rennstrecke demonstriert das Fahrwerk, was es kann: 2,5 Grad mehr Schräglagenfreiheit als die Basis-Tuono – ermöglicht durch die RS-Fußrasten – und eine geringfügig verlängerte Schwinge, die bei hohem Tempo mehr Stabilität und Traktion liefert. Erfahrene Fahrer können das Motorrad bis an die Haftgrenze moderner Sportbereifung bringen. Für klares Versprechen in sportliches Landstraßenfahren – das eingelöst wird.

Die Bremsen – Brembo Vierkolbensättel vorne an 320-mm-Schwimmscheiben, Einkolbensattel hinten an 220 mm – sind auf dem Niveau, das dieses Motorrad verdient. Druckpunkt klar, Verzögerung stark, Dosierung gut. Kurven-ABS mit Sechsachsen-IMU ist serienmäßig und arbeitet im Alltag unmerklich. Das ist nicht selbstverständlich: Die alte Basis-Tuono hatte kein Kurven-ABS.

Ergonomie: Naked Bike mit Rennstrecken-Einfluss

Die Sitzposition ist das, was man von einem sportlichen Naked Bike erwartet: aufrecht genug für den Alltag, mit leicht nach vorne geneigtem Oberkörper für aktives Fahren. Der breite Lenker gibt dem Fahrer Kontrolle und erleichtert das Einlenken. Die Fußrasten sind sportlich positioniert, aber nicht übermäßig hoch. Für Fahrer zwischen 1,70 und 1,85 m ist die Ergonomie gut. Wer kleiner ist, profitiert von der moderaten Sitzhöhe von 820 mm – mit beiden Füßen kommt man gut auf den Boden.

Auf langen Touren ist die Tuono 660 Factory nicht die erste Wahl: kein Windschutz, sportliche Sitzposition, kein serienmäßiger Tempomat. Wer regelmäßig Strecke macht, rüstet nach. Für Wochenendausfahrten, Landstraßenrunden und gelegentliche Trackdays ist die Ergonomie hingegen gut ausgewogen – sportlich ohne zu ermüden.

Handhabung: 181 kg sind eine Ansage

181 kg vollgetankt – das ist der stärkste Satz dieses Motorrads. In der Klasse der mittleren Sportler gibt es kaum ein leichteres Motorrad mit dieser Leistung. Die Lithium-Ionen-Batterie spart gegenüber der Standardbatterie 2 kg ein – kein riesiger Wert auf dem Papier, aber im Zusammenspiel mit der generell leichten Konstruktion trägt es zum flockigen Gesamtgewicht bei. Im Fahrbetrieb macht sich die Leichtigkeit ständig bemerkbar: Das Motorrad reagiert schnell, ist handlich in der Stadt und fühlt sich in Kurven spielerischer an als alles, was schwerer ist.

Das 5-Zoll-TFT-Display ist zeitgemäß, gut ablesbar und zeigt alle relevanten Informationen klar. Die Bedienung über die Lenkersteuerung ist mit Handschuhen akzeptabel. Die Menüführung – bekannt von anderen Aprilia-Modellen – hat noch Verbesserungspotenzial. Man braucht ein paar Fahrten, um sich zurechtzufinden. Der serienmäßige Quickshifter arbeitet in beide Richtungen tadellos – hoch wie runter.

Was fehlt: ein serienmäßiger Tempomat. Für ein Motorrad dieses Preises und dieser Klasse wäre er wünschenswert; er ist bei anderen Modellen der Klasse längst Standard. Gepäckmöglichkeiten gibt es wie bei jedem Naked Bike keine in Serie. Der Tank mit 15 Litern ermöglicht bei rund 5 Litern Verbrauch auf 100 km eine Reichweite von etwa 280 bis 300 km – für eine Sportmaschine ordentlich.

Ausstattung: Das Vollpaket, kein Kreuz nötig

Das aPRC-Elektronikpaket der Tuono 660 Factory ist das vollständigste in der Klasse: Kurven-ABS mit Sechsachsen-IMU, Traktionskontrolle, Wheelie Control, Launch Control, Motorschleppmomentkontrolle, Quickshifter auf und ab, fünf Fahrmodi (drei für die Straße, zwei für die Rennstrecke). Kurvenbeleuchtung ist serienmäßig. Alle Systeme sind während der Fahrt einstellbar. Das ist Elektronik auf dem Niveau der großen Tuono V4 – in einem kleineren, leichteren Motorrad.

Die Tuono 660 Factory ist außerdem in einer auf 35 kW (47 PS) gedrosselten A2-Version erhältlich – das macht das Motorrad für Führerscheinneubesitzer attraktiv, die perspektivisch auf die volle Leistung wechseln wollen, ohne das Motorrad wechseln zu müssen. Was fehlt: kein Tempomat, kein Totwinkelassistent. Beides ist in dieser Preisklasse noch kein Standard, aber der Tempomat wäre für die Zielgruppe sinnvoll.

Kosten: Fair für das gebotene Paket

12.999 Euro Listenpreis. Das ist für ein Motorrad mit Öhlins-Fahrwerk, vollem Elektronikpaket, Brembo-Bremsen, Quickshifter und Lithium-Ionen-Batterie ein fairer Preis – verglichen mit dem, was Konkurrenten wie die Triumph Street Triple RS (über 13.000 Euro) oder die Yamaha MT-09 SP (rund 13.500 Euro) in ähnlicher Ausstattung kosten. Die Tuono 660 Factory hält da mit und bringt das leichtere Gesamtgewicht als Trumpf.

Im Unterhalt ist die 660er-Factory überschaubar. Inspektionen jährlich oder alle 10.000 km, Standarddurchsicht beim Händler rund 300 bis 450 Euro. Ventile werden alle 20.000 km kontrolliert. Bei einem Parallel-Twin ist das weniger aufwendig als bei einem V4 – Kosten realistisch 350 bis 600 Euro. Reifen im Format 120/70-17 vorne und 180/55-17 hinten: günstig bis mittel, je nach Hersteller. Verbrauch rund 4,5 bis 6 Liter auf 100 km. Garantie: 2 Jahre ohne Kilometerbeschränkung.

Fazit

Die Tuono 660 Factory ist das vollständigste Mittelklasse-Naked-Bike, das man kaufen kann. 105 PS, 181 kg, Öhlins, Brembo, Kurven-ABS, Quickshifter – das ist kein Kompromiss, das ist das Paket. Dass Aprilia die normale Tuono 660 gestrichen hat, macht Sinn: Wer den vollen Führerschein hat, kauft die Factory. Für alles andere gibt es die gedrosselte Version. Das einzige spürbare Minus im Alltag – der fehlende Tempomat – ist kein Hinderungsgrund. Für Landstraße, Rennstrecke und Alltag gibt es kein besseres Motorrad in dieser Leistungsklasse zu diesem Preis.

 

Kurzcheck

 

+ 105 PS bei nur 181 kg – bestes Leistungsgewicht der Klasse

+ Öhlins NIX 30 / STX 46 – volleinstellbar, Referenzklasse für den Preis

+ Kurven-ABS mit Sechsachsen-IMU serienmäßig

+ Quickshifter auf und ab serienmäßig

+ Launch Control und fünf Fahrmodi inklusive

+ 270°-Hubzapfenversatz – klingt nach V2, fährt wie ein sportlicher Twin

+ Auch als A2-Version (35 kW) erhältlich – später auf volle Leistung aufrüstbar

 

Kein serienmäßiger Tempomat

Standgeräusch 96 dB(A) – Probleme in lärmgeregelten Gebirgsregionen

Menüführung des Displays gewöhnungsbedürftig

Kein Gepäcksystem, kein Windschutz

Kein Totwinkelassistent

Ventilkontrolle alle 20.000 km – 350 bis 600 Euro

 

 

Technische Daten: Aprilia Tuono 660 Factory (2026)

 

Fertigungsland: Italien (Noale, Venetien)

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Twin, DOHC, 4 Ventile/Zylinder, 270° Hubzapfenversatz, Ride-by-Wire, Euro 5+

Hubraum: 659 cm³

Leistung: 77 kW (105 PS) bei 10.400 U/min (auch als 35-kW-A2-Version erhältlich)

Drehmoment: 70 Nm bei 8.400 U/min

Getriebe: 6 Gänge, Anti-Hopping-Kupplung, gekürzte Endübersetzung

Antrieb: Kette

Fahrwerk vorn: Öhlins NIX 30 USD, ø 43 mm, volleinstellbar (Federvorspannung, Zug- und Druckstufendämpfung), Federweg 110 mm

Fahrwerk hinten: Öhlins STX 46 Monofederbein mit integriertem Reservoir, volleinstellbar, Federweg 130 mm

Bremsen vorn: 2× 320-mm-Schwimmscheibe, Brembo Vierkolbensattel, radial

Bremsen hinten: 220-mm-Scheibe, Brembo Einkolbensattel

Reifen vorn: 120/70 ZR 17

Reifen hinten: 180/55 ZR 17

Assistenzsysteme: Kurven-ABS (6-Achs-IMU), aPRC: ATC (Traktionskontrolle), AWC (Wheelie Control), ALC (Launch Control), AEB (Motorschleppmomentkontrolle), AQS (Quickshifter auf/ab), 5 Fahrmodi (3 Straße, 2 Rennstrecke), Kurvenbeleuchtung

Gewicht vollgetankt: 181 kg

Sitzhöhe: 820 mm

Tankinhalt: 15 Liter

Preis (D): 12.999 Euro

Garantie: 2 Jahre, ohne Kilometerbeschränkung