Test KTM RC 390 (2024)
Der kleine Sportler mit großem Fahrwerk – und das letzte Exemplar für Europa
Hinweis: Die KTM RC 390 wurde aus dem europäischen Markt gestrichen. MY2024 ist das letzte Baujahr; Restbestände sind bei Händlern noch erhältlich. In Indien läuft die Produktion weiter. Ein Nachfolger für Europa ist nicht angekündigt – ein Prototyp mit neuem Motor wurde gesichtet, aber noch nicht präsentiert.
Motor: 44 PS aus einem Einzylinder – drängt in der Mitte, will oben gefordert werden
Der 373-cm³-Einzylinder der RC 390 leistet 44 PS bei 9.000/min und 37 Nm bei 7.000/min. DOHC, vier Ventile, kohlenstoffbeschichtete Schlepphebel für Reibungsreduzierung und Zuverlässigkeit auch bei Dauerbetrieb. Ride-by-Wire ermöglicht Traktionskontrolle und präziseres Motormanagement. Antihopping-Kupplung neu ab dieser Generation: öffnet bei zu hohem Motorrückdrehmoment, schließt mit Federkraft – kein Hinterradstempeln beim harten Herunterschalten, und der Kupplungshebel ist leichter zu ziehen als vorher.
Im unteren Drehzahlbereich braucht der Motor etwas Zeit zum Anspringen, in der Mitte überzeugt er, in hohen Drehzahlen lässt die Performance nach. Das ist kein Fehler – das ist der Charakter eines hochdrehenden A2-Einzylinders. Wer weiß, wie man ihn dreht, wird belohnt. Der Edelstahl-Auspuffkrümmer mit Aluminium-Endschalldämpfer ist von der KTM RC16 aus der MotoGP inspiriert und sorgt für einen unverwechselbaren, dumpfen Klang nahe der Maximaldrehzahl.
Fahrwerk: Voll einstellbares WP APEX mit 30 Klicks – für diese Fahrzeugklasse außergewöhnlich
Das Fahrwerk der RC 390 ist der klare technische Überraschungsmoment. Die WP APEX 43-mm-USD-Gabel bietet je 30 Klicks für Druck- und Zugstufe unabhängig einstellbar – eine Spezifikation, die bei A2-Motorrädern sämtlich unbekannt ist. Neue Gabelfäuste und eine hohle Achse vorne sparen Gewicht. Das WP APEX Federbein hinten arbeitet mit Split-Piston-Technologie und ist ebenfalls voll einstellbar in Druck- und Zugstufe. Federweg 120 mm vorne, 150 mm hinten.
Das Resultat ist ein Motorrad, das auf der Rennstrecke perfekt auf den Fahrer abgestimmt werden kann – und das auf der Straße für seine Klasse sehr präzises Feedback gibt. Die Bremse: BYBRE 4-Kolben-Radialsattel vorne auf 320-mm-Scheibe, 1-Kolben hinten auf 230 mm. BYBRE ist eine indische Brembo-Tochter, die Komponenten für den Small-Bike-Segment entwickelt – kein Brembo der Erwachsenenklasse, aber deutlich mehr als günstige Standardkost. Kurven-ABS, Supermoto-ABS (Hinterrad deaktivierbar) und Traktionskontrolle serienmäßig.
Ergonomie: Sportlich, aggressiv, gewöhnungsbedürftig – und dann richtig gut
824 mm Sitzhöhe, starke Vorverlagerung des Oberkörpers, niedriger Lenker. Das ist kein Kompromiss – das ist eine Entscheidung. Die RC 390 will sportlich bewegt werden. Die ersten Runden fühlen sich ungewohnt an, die Sitzposition fordert aktives Mitfahren, das Gewicht liegt vorne. Nach einer Eingewöhnungsphase dreht sich die Wahrnehmung: Das Handling ist durch das geringe Gewicht von 158 kg trocken (164 kg fahrfertig) und den kompakten Radstand von 1.343 mm außergewöhnlich direkt und wendig. Das TFT-Display ist modern und gut ablesbar. Quickshifter+ optional.
ADAC Junior Cup: Die einzige A2-Serienmaschine mit Rennserie-Homologierung
Die RC 390 ist die Basis des ADAC Junior Cup powered by KTM RC 390 – einer Rennserie, in der Serienmaschinen mit minimaler Modifikation gegeneinander antreten. Das ist kein Marketing, das ist eine Tatsache: Wer eine RC 390 kauft, kauft das Homologationsmodell einer aktiven Rennserie. Das erklärt das Fahrwerk-Niveau – 30 Klicks je Achse sind Rennsportvorgabe, keine Ausstattungsoffensive. Es erklärt auch, warum die Ergonomie so kompromisslos sportlich ist: Sie ist auf Rennstreckeneinsatz ausgelegt, nicht auf den Stadtpendler.
Das Ende in Europa: Warum KTM die RC 390 gestrichen hat – und was als Nächstes kommt
KTM hat die RC 390 aus dem europäischen Markt gestrichen. Gründe: anhaltend geringe Nachfrage und die notwendige Anpassung des Motors an Euro 5+ – ein Aufwand, der sich wirtschaftlich nicht gelohnt hätte. Für Indien, wo die Maschine gefertigt wird und die Nachfrage stabil ist, läuft die Produktion weiter. Die Presse hat bereits Prototypen einer völlig neuen RC 390 gesichtet, basierend auf dem neuen 399-cm³-Motor– wann sie kommt und zu welchem Preis, ist nicht bekannt.
Wer jetzt eine RC 390 kauft, kauft Restbestand Modelljahr 2024. Das ist keine schlechte Idee: Der Preis liegt deutlich unter dem einstigen Neupreis, das Motorrad ist ausgereift und homologiert. Wer einen A2-Sportler mit echtem Rennstrecken-DNA sucht und weiß, worauf er sich einlässt, findet hier ein Motorrad ohne ernsthafte Konkurrenz in dieser Ausstattungsklasse.
Fazit
Die RC 390 ist nichts für Einsteiger. Sie fordert, sie verlangt Anpassung, und sie belohnt dafür mit Handling-Präzision und Rennstreckentauglichkeit, die in der A2-Klasse ohne Konkurrenz sind. MY2024 ist die letzte Chance in Europa – und als Abschluss einer langen Geschichte ist das Modell gut genug, um ohne Sorgen gekauft zu werden.
Kurzcheck
+ WP APEX 43-mm-USD: 30 Klicks Druck- und Zugstufe unabhängig – für A2-Klasse einmalig
+ WP APEX Federbein Split-Piston: ebenfalls voll einstellbar
+ BYBRE 4-Kolben Radialsattel 320 mm vorne: Brembo-Tochter, überdurchschnittliche Bremsanlage
+ 158 kg trocken / 1.343 mm Radstand: kompaktest und leichtester A2-Sportler mit dieser Ausstattung
+ Antihopping-Kupplung: kein Hinterradstempeln, leichter Kupplungshebel
+ Kurven-ABS, Supermoto-ABS, Traktionskontrolle serienmäßig
+ ADAC Junior Cup-Homologierung: einzige A2-Serienmaschine mit aktiver Rennserie
+ TFT-Display; Quickshifter+ optional
+ Preis (Restbestand MY2024): deutlich unter ursprünglichem Neupreis
– Motor schwächelt unten und oben: will gedreht werden, verlangt Eingewöhnung
– Aggressive Sitzposition: gewöhnungsbedürftig, für Längere Touren unbequem
– MY2024 ist letztes europäisches Baujahr: kein Werkstatt-Upgrade-Pfad, kein Nachfolger angekündigt
– Restbestand-Kauf: keine Neufahrzeug-Garantie über den Standard; Verfügbarkeit begrenzt
– 110/70-17 Vorderreifen-Dimension: schmaleres Angebot an Reifen als 120er-Norm
Technische Daten: KTM RC 390 (MY2024 – letztes europäisches Baujahr)
Fertigungsland: Indien (Bajaj-Werk); Entwicklung KTM Mattighofen, Österreich
Motor: Einzylinder, 373 cm³, flüssigkeitsgekühlt, DOHC, 4 Ventile, kohlenstoffbeschichtete Schlepphebel, Ride-by-Wire, Euro 5
Leistung: 44 PS (32,5 kW) bei 9.000/min, A2-konform
Drehmoment: 37 Nm bei 7.000/min
Getriebe: 6-Gang; Antihopping-Kupplung; Quickshifter+ optional
Fahrmodi / Elektronik: Kurven-ABS; Supermoto-ABS (Hinterrad deaktivierbar); Traktionskontrolle; TFT-Display
Rahmen: Stahl-Gitterrohrrahmen; Aluminium-Heckrahmen
Gabel: WP APEX Open-Cartridge USD, 43 mm; 120 mm Federweg; 30 Klicks Druckstufe, 30 Klicks Zugstufe; neue Gabelfäuste, hohle Achse
Federbein: WP APEX Split-Piston Monoshock; 150 mm Federweg; voll einstellbar Druck-/Zugstufe und Federvorspannung
Bremse vorn: BYBRE 4-Kolben Radialsattel; 320-mm-Scheibe; Kurven-ABS
Bremse hinten: 1-Kolben-Festsattel; 230-mm-Scheibe; Supermoto-ABS
Räder: 17 Zoll vorne und hinten; Alugussräder; 3,0” / 4,0” Breite
Reifen: 110/70-17 vorne; 150/60-17 hinten
Auspuff: Edelstahl-Krümmer; Aluminium-Endschalldämpfer (RC16-MotoGP-inspiriert)
Gewicht trocken: 158 kg (964 g leichter als Vorgänger MY2020)
Gewicht fahrfertig: 164 kg
Sitzhöhe: 824 mm
Bodenfreiheit: 158 mm
Radstand: 1.343 mm
Tank: 13,7 Liter
Führerschein: A2
Rennserie: ADAC Junior Cup powered by KTM RC 390 (Homologationsmodell)
MY2024-Status: Letztes Baujahr für Europa; Restbestände bei Händlern bis 2026; Produktion für Indien läuft weiter; Prototyp Nachfolger gesichtet, kein Präsentationstermin
Preis: Restbestands-Neupreis bei Händlern; ursprünglicher MY2024-Listenpreis 7.394 Euro plus Nebenkosten; aktuelle Restpreise unter Listenpreis
Garantie: Herstellergarantie gemäß KTM-Standard (MY2024: 24 Monate)