Tempo 60 für Kleinkrafträder: Sachsens Initiative scheitert nicht in Dresden, sondern in Brüssel – Yamaha stellt DiASil-Zylinder bis 2030 auf Recycling-Aluminium um

Dienstag, 13. Oktober 2026. Sachsen will am 16. Oktober im Bundesrat erreichen, dass neue Kleinkrafträder bis 60 statt 45 km/h genehmigt werden können. Entscheiden kann Dresden das nicht: Die Grenze steckt in der EU-Typgenehmigung, die Bundesregierung soll in Brüssel um eine Änderung werben – ohne Zeitplan und mit offenen Fragen zu Führerschein, Technik und Sicherheit. Yamaha wiederum ersetzt den Rohstoff für seine DiASil-Zylinder: Bis 2030 soll das Aluminium dafür aus Recycling statt aus Neumaterial kommen, beginnend mit Pendlermodellen in Indonesien.

[SACHSEN | POLITIK] 60 km/h für Kleinkrafträder: Was Sachsen fordert – und warum die Umsetzung schwierig ist

WICHTIGKEIT / HIGHLIGHT

Was beantragt ist: Die Sächsische Staatsregierung hat am 29. September beschlossen, im Bundesrat eine Entschließung einzubringen; der Antrag (Bundesratsdrucksache 594/26, datiert 9. Oktober, unterzeichnet von Ministerpräsident Michael Kretschmer) soll auf die Tagesordnung der 1069. Sitzung am 16. Oktober und wird danach den Ausschüssen zugewiesen.

Der Bundesrat soll die Bundesregierung bitten, sich auf EU-Ebene dafür einzusetzen, dass die Fahrzeugklasse L überprüft wird und Fahrzeuge der AM-Gruppen mit einer „bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von bis zu 60 km/h“ betrieben werden können.

Konkret soll die Verordnung (EU) Nr. 168/2013 so angepasst werden, dass die Klassen L1e-B (zweirädrige Kleinkrafträder), L2e (dreirädrige) und L6e (leichte vierrädrige Fahrzeuge) auch solche Fahrzeuge umfassen und eine reguläre EU-Typgenehmigung möglich ist; das europäische Fahrerlaubnisrecht, insbesondere die Klasse AM, soll bei Bedarf nachgeführt werden.

Verkehrsministerin Regina Kraushaar hatte schon am 7. August das Motto „Gleiche Technik, gleiches Tempo“ ausgegeben: Dieselbe Drossel führe je nach Zulassungsort zu unterschiedlichen Ergebnissen. Hintergrund ist die Sonderregelung des Einigungsvertrags, die bestimmten DDR-Kleinkrafträdern wie der Simson 60 km/h erlaubt; der Bund hat am 14. August entschieden, dass auch reimportierte Simson-Mopeds mit Erstzulassung bis 28. Februar 1992 darunter fallen können, sofern die Verkehrssicherheit gegeben ist.

Die neue Initiative zielt dagegen auf neue Fahrzeuge und ist davon getrennt zu betrachten. Warum sie schwierig ist, in sieben Punkten: Erstens ist die 45-km/h-Grenze keine deutsche Verkehrsregel, sondern Teil der EU-Fahrzeugklassifikation und des Typgenehmigungsrechts – Deutschland kann sie nicht allein ändern; der Weg führt über Bundesrat, Bundesregierung und die EU-Ebene. Zweitens nennt der Antrag selbst weder einen Zeitplan noch konkrete technische Anforderungen, und nationale Umsetzungsschritte sind nicht vorgesehen; ein Beschluss des Bundesrats am 16. Oktober ist deshalb kein Startschuss für schnellere Mopeds, sondern eine Bitte an die Bundesregierung. Drittens hängt am Tempo der Führerschein: Die Klasse AM umfasst heute L1e-B, L2e und L6e, und wer den Pkw-Führerschein B hat, darf sie mitfahren; eine Anhebung der Grenze würde Änderungen im europäischen Fahrerlaubnisrecht nach sich ziehen können, die Sachsen nur „bei Bedarf“ will.

Viertens ist die Technik offen: Eine Softwareänderung ersetzt keine Zulassung, Bremsen, Reifen, Fahrwerk und bei Elektrorollern Akku und Steuerung müssten für 60 km/h geeignet sein; die Bewegungsenergie steigt bei 60 statt 45 km/h um rund 78 Prozent, und die Reichweite bei höherem Tempo ist nicht getestet. Fünftens die Sicherheit: Sachsen argumentiert, Bremsen, Fahrwerk, Reifen und Licht seien heute viel weiter als früher, räumt aber ein, dass Kraftradfahrer besonders gefährdet sind und weder ein belastbarer Zusammenhang zwischen der 45-km/h-Grenze und dem Unfallgeschehen noch ein Sicherheitsgewinn durch höheres Tempo belegt ist; der EU-Ebene soll die Folgen für Sicherheit, Unfallhäufigkeit und Unfallschwere prüfen.

Sechstens ist Europa ein Binnenmarkt: Eine EU-Typgenehmigung und die Führerscheinklasse AM gelten in allen Mitgliedstaaten, eine rein deutsche oder gar sächsische Sonderlösung für Neufahrzeuge würde dem widersprechen (meine Einordnung) – der Antrag sucht deshalb ausdrücklich eine europäische Regel. Stellungnahmen anderer Mitgliedstaaten, der EU-Kommission oder der Hersteller habe ich nicht gefunden.

Siebtens ändert sich innerorts nichts: Es gilt weiter Tempo 50 beziehungsweise Tempo 30 in ausgeschilderten Zonen, ein 60-km/h-Moped könnte also vor allem außerorts schneller fahren. Zu den Rahmenbedingungen: Eine Petition, die die Anhebung fordert, haben nach einem Bericht von Motorradonline über 52.000 Menschen unterstützt. Die Einschätzung, dass eine EU-Rechtsänderung Jahre dauert, ist im Antrag nicht zu finden.

 

[YAMAHA | TECHNIK] Yamaha stellt DiASil-Zylinder bis 2030 auf Recycling-Aluminium um

NEU

Yamaha ersetzt den Rohstoff für seine DiASil-Zylinder. Der Hersteller will die Zylinder aus dem eigenen Vollaluminium-Verfahren schrittweise von Primäraluminium auf eine recycelte Aluminiumlegierung umstellen – bis 2030 soll das bei allen Produkten mit DiASil-Zylindern abgeschlossen sein. Yamaha rechnet damit, jährlich etwa 47.000 Tonnen CO2 einzusparen; wie die Zahl berechnet wurde, erklärt die Meldung nicht.

Der DiASil-Zylinder wurde 2002 von Yamaha entwickelt und eingeführt: ein Vollaluminium-Zylinder, der weder eine Eisenlaufbuchse noch eine Beschichtung braucht; genannte Vorteile sind Verschleiß- und Fressfestigkeit, Wärmeableitung, geringeres Gewicht, bessere Recyclingfähigkeit und niedrigere Fertigungskosten. Bisher kam nur Primäraluminium zum Einsatz, weil herkömmliches Recyclingmaterial Spuren von Verunreinigungen enthält, die es schwer machen, die Anforderungen an Gefüge, Oberfläche und Korrosionsfestigkeit zu erfüllen.

Yamaha hat eine Legierung entwickelt, deren Eigenschaften denen von Primäraluminium laut eigenen Angaben vergleichbar sind, sodass dieselben Fertigungsprozesse genutzt werden können; die Entwicklung stützte sich auf eine Materialauslegung mit thermodynamischen Berechnungen, und Prüfstands- sowie Fahrzeugtests hätten alle funktionalen Anforderungen bestätigt.

Der Start erfolgt bei Pendlermodellen aus indonesischer Produktion, später soll ein weltweiter Rollout folgen, ein Datum dazu fehlt. Welche Modelle genau betroffen sind, welcher Anteil der Gesamtproduktion das ist und wer die Legierung liefert, wird nicht genannt. Einordnung: Yamaha ordnet das dem Umweltplan 2050 zu (CO2-Neutralität der gesamten Lieferkette bis 2050) und will bis 2030 auch das gesamte in der eigenen Fertigung verwendete Aluminium auf nachhaltige Alternativen umstellen.

 

Themen im Überblick

Modell / Thema

Status

Kerndaten

Sachsen: Tempo 60 für Kleinkrafträder

Antrag

Bundesrat 16.10. (1069. Sitzung), Bitte an Bundesregierung, EU-Recht (VO 168/2013) zu ändern, kein Zeitplan

Yamaha DiASil-Zylinder

Plan

Recycling-Aluminium bei allen DiASil-Produkten bis 2030, Start bei Pendlermodellen in Indonesien, ca. 47.000 t CO2 pro Jahr

 

INFO: Hürden für Tempo 60 auf einen Blick – und was offen ist

• Rechtlich: 45 km/h steckt in der EU-Klassifikation (Verordnung (EU) Nr. 168/2013, Klassen L1e-B, L2e, L6e); Sachsen kann nicht allein entscheiden, der Antrag bittet nur die Bundesregierung, in Brüssel aktiv zu werden.

• Führerschein: Die Klasse AM ist an die Fahrzeugklassen gekoppelt; Anpassungen des europäischen Fahrerlaubnisrechts sollen nur „bei Bedarf“ folgen.

• Technik und Sicherheit: Typgenehmigung statt Software-Umbau, Bremsen, Reifen, Fahrwerk, bei E-Rollern Akku und Steuerung; 78 Prozent mehr Bewegungsenergie bei 60 statt 45 km/h; Sicherheitsstudie von Sachsen selbst gefordert.

• Offen/nicht belegt: Zeitplan, Haltung der EU-Kommission und anderer Staaten, Reaktion der Hersteller, Zahl der Petitionsunterstützer (angeblich 52.000), ob und wie der Führerschein angepasst würde.

• Yamaha: bestätigt sind Ziel 2030, Start in Indonesien und die 47.000-Tonnen-Schätzung; offen sind Modelle, Produktionsanteil und Rechenweg der Zahl.

 

DO-NOT-RIDE / RÜCKRUF-STATUS (Stand 13.10.2026)

• Husqvarna / GASGAS Offroad (Bj. 2021–2024, Braktec-Bremssattel hinten): Rückruf weltweit gültig, auch Europa betroffen – VIN-Check über Hersteller-Website oder Händler.

• BMW S 1000 RR (K67, Bj. 2019–2026): Rückruf wegen Zündschloss-Wackelkontakt, ca. 77.000 Fahrzeuge weltweit; Halter-Benachrichtigung ab Mitte September 2026.

• Honda CB1000 Hornet – Rückruf 1 (Ölverbrauch): Endmaßnahme August 2026 – JETZT Termin beim Händler buchen.

• Yamaha Ténéré 700 MJ 2025 (USA/Kanada): Do-Not-Ride aktiv – TFT-Tausch kostenlos beim Händler.

 

NOCH IM RADAR

Bundesrat, 16. Oktober: Sachsens Antrag zu Kleinkrafträdern wird danach den Ausschüssen zugewiesen

BMW F 450 RR: Enthüllung am 15. Oktober, 17 Uhr

Triumph Tiger 1200: Vollenthüllung am 27. Oktober; Street Triple 798 am 17. November; Tiger 900 am 15. Dezember

MotoGP Phillip Island (23. bis 25. Oktober): Titelkampf Martín gegen Márquez

EICMA Mailand (3. bis 8. November): Himalayan 750, Harley Sprint

Yamaha: weitere Modelle für Recycling-Aluminium und Zeitplan für den weltweiten Rollout

 

FAZIT

Beide Themen haben mit Regeln zu tun, die jemand anderes setzt: Bei Tempo 60 ist die Grenze nicht in Dresden, sondern in Brüssel festgeschrieben, und der sächsische Antrag ist deshalb eher ein politisches Signal als eine Lösung – ernstzunehmen, weil er Technik, Führerschein und Sicherheit in einem Paket anfasst, aber ohne Zeitplan. Bei Yamaha dagegen ist der Weg konkret und überprüfbar: ein Rohstoff, ein Jahr, ein erster Standort. Entscheidend wird sein, ob das Recycling-Aluminium in der Serie hält, was die Prüfstände versprechen.

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