Test Aprilia RS 457 (2026)
Das A2-Sportbike, das keinen Kompromiss kennt
Stand: 17.3.2026 | Getestetes Modell: Aprilia RS 457 (Basisversion 2026) | Preis: 7.250 Euro
Motor: 47 PS – das gesetzliche Maximum, gut genutzt
Der Paralleltwin der RS 457 ist ein vollständig neu entwickelter Motor – kein zugekauftes Aggregat, sondern eine Eigenentwicklung von Aprilia. 457 cm³, flüssigkeitsgekühlt, zwei obenliegende Nockenwellen, 270°-Hubzapfenversatz an der Kurbelwelle. Dieser Versatz ist entscheidend für den Charakter: Er sorgt für ein ungleichmäßiges Zündintervall, das dem Motor ein leicht raues, charaktervolles Klangbild gibt – weit entfernt vom sterilen Brummen mancher Reihenzweizylinder. Für ein A2-Motorrad ist das eine echte Qualität.
47 PS bei 9.400 Touren, 43 Nm Drehmoment bei 6.700 Touren – das ist die gesetzlich erlaubte Obergrenze für die A2-Führerscheinklasse. Wer den A2-Führerschein hat, darf kein Motorrad mit mehr als 35 kW (47,5 PS) fahren. Die RS 457 schöpft dieses Limit exakt aus. Das merkt man: Im Vergleich zu kleineren A2-Sportlern mit 35 oder 40 PS hat die RS 457 spürbar mehr Reserven beim Überholen, beim Herausbeschleunigen aus Kurven und auf der Autobahn. Der Motor ist bis 120 km/h agil und gut nutzbar. Wer schneller fährt, bemerkt, dass die Luft dünner wird – das ist bei 47 PS und Vollverkleidung aber kein Vorwurf, sondern Physik.
Ride-by-Wire ist serienmäßig, ebenso drei Fahrmodi: Sport, Rain und Eco. Die Unterschiede zwischen Sport und Rain sind spürbar; Eco drosselt den Motor fühlbar und ist auf langen Autobahnstrecken zum Spritsparen brauchbar. Die Anti-Hopping-Kupplung verhindert beim Runterschalten das Aufstellen des Hinterrads – für Einsteiger ein echter Sicherheitsbaustein, der Vertrauen gibt. Der Quickshifter, in der Basisversion optional erhältlich, ist in der GP-Replica-Edition serienmäßig. Wer ihn einmal gefahren hat, will ihn nicht mehr missen: Er macht die Schaltarbeit im Sport-Modus deutlich flüssiger.
Fahrwerk: Gut für die Klasse, ehrlich in den Grenzen
Das Fahrwerk der RS 457 kommt von Gabriel, einem indischen Zulieferer – das klingt nach Kompromiss, funktioniert im Alltag aber besser als erwartet. Vorne ist eine 41-mm-Upside-down-Gabel verbaut mit einstellbarer Federvorspannung und 120 mm Federweg, hinten ein Zentralfederbein ohne Umlenkung, einstellbar in Vorspannung und Zugstufe, mit 130 mm Federweg. Auf der Straße liegt die RS 457 präzise und stabil. Das Einlenken geht leicht und direkt, die Geradeauslaufstabilität ist auch bei Autobahngeschwindigkeit tadellos. Für eine A2-Maschine mit 7.250 Euro Kaufpreis ist das ein überdurchschnittliches Ergebnis.
Die Grenzen zeigen sich auf der Rennstrecke und auf sehr schlechten Straßen. Auf grobem Asphalt spricht das Fahrwerk nicht so sensibel an wie das aufwendigere Konstruktionen. Wer regelmäßig mit Rennstreckenambitionen fährt, wird die Dämpfung als zu weich empfinden. Für den Einsatzzweck – sportliche Landstraßenfahrten, Alltagsbetrieb, gelegentliche Trackdays – ist das Setup aber stimmig. Nachstellen lohnt sich: Wer Federvorspannung und Zugstufe auf sein Gewicht anpasst, bekommt ein deutlich direkteres Fahrerlebnis.
Die Bremsen kommen von Bybre – das ist Brembo für kleinere Motorräder, eine Tochtergesellschaft des Herstellers. Vorne ein radial montierter Vierkolben-Monoblock an einer schwimmend gelagerten 320-mm-Scheibe, hinten Einkolben an 220 mm. Die Bremswirkung ist für die Klasse gut; der Druckpunkt am Handbremshebel wirkt etwas weich und undefiniert, was die Dosierung im Grenzbereich erschwert. Das ABS arbeitet in zwei Kanälen, das Hinterrad-ABS ist abschaltbar – für Könner eine sinnvolle Option. Im normalen Fahrbetrieb greift das System unauffällig ein.
Ergonomie: Sportlich, aber nicht brutal
800 mm Sitzhöhe und eine schmale Sitzbank – beides kommt kleineren Fahrern entgegen. Wer 1,65 m groß ist, kommt mit einem Fuß gut auf den Boden; das schafft Vertrauen. Die Sitzposition ist sportlich: leichte Vorlage des Oberkörpers, Stummellenker, etwas angehobene Fußrasten. Das ist für ein vollverkleidetes Sportbike erwartbar, auf längeren Touren aber spürbar. Wer mehr als zwei Stunden am Stück fährt, wird die Handgelenke merken. Für den typischen Einsatz – Wochenendausfahrten, Schule-zur-Arbeit, Landstraßentour – ist die Ergonomie gut ausgewogen.
Für sehr große Fahrer ab etwa 1,90 m wird es eng: Knie und Lenker kommen sich in den Weg, der Knieschluss am Tank ist für lange Strecken ermüdend. Das ist eine konstruktive Grenze dieses Konzepts. Wer 1,75 bis 1,85 m misst, findet die beste Passung. Der Soziussitz ist in der Basisversion dabei; die GP-Replica-Edition hat eine Soziusabdeckung serienmäßig, Mitfahren kostet also extra.
Handhabung: Leicht, handlich, alltagstauglich
175 kg vollgetankt – das ist das stärkste Argument der RS 457 im Alltag. Das Motorrad lässt sich in der Stadt rangieren, in engen Parklücken manövrieren und nach einem Sturz allein aufstellen. Wer von einem schweren Motorrad kommt, wird die Leichtigkeit sofort bemerken. Das 5-Zoll-TFT-Display ist groß, gut strukturiert und mit der Lenkerenden-Fernbedienung bedienbar – auch bei Handschuhen. Die LED-Beleuchtung ist zeitgemäß und ausreichend.
Der 12,9-Liter-Tank ermöglicht bei einem Verbrauch von rund 4 Litern auf 100 km eine Reichweite von gut 300 km – für eine Sportmaschine dieser Klasse überdurchschnittlich gut. Tanken ist selten ein Thema. Gepäckmöglichkeiten gibt es in Serie keine. Wer regelmäßig Strecke fährt, braucht einen Tankrucksack. Die Reinigung ist durch die Vollverkleidung etwas aufwendiger als bei einem Naked Bike – kein echter Kritikpunkt, aber ein Hinweis.
Ein Punkt fällt negativ auf: die serienmäßigen TVS-Reifen. Das indische Fabrikat Eurogrip Protorq ist kein schlechter Reifen, aber auf nassem Asphalt und bei sportlichem Fahrstil merklich weniger gripstark als europäische Markenreifen. Wer die RS 457 ambitioniert fährt, sollte früh über einen Reifenwechsel nachdenken – Pirelli Diablo Rosso IV oder Michelin Road 6 passen gut, verbessern das Fahrverhalten spürbar und kosten im A2-Format wenig.
Ausstattung: Für den Preis außergewöhnlich vollständig
Was die RS 457 für 7.250 Euro serienmäßig mitbringt, ist in der A2-Klasse bemerkenswert: TFT-Display, Ride-by-Wire, drei Fahrmodi, Traktionskontrolle in drei Stufen (einstellbar während der Fahrt), Zweikanal-ABS mit abschaltbarem Hinterrad-ABS, Anti-Hopping-Kupplung, LED-Beleuchtung. Das sind Ausstattungsmerkmale, die bei Konkurrenten wie der Kawasaki Ninja 500 oder der Honda CBR500R teilweise als Aufpreis-Option geführt werden oder schlicht fehlen.
Was fehlt und was man kennen sollte: Der Quickshifter ist in der Basisversion Zubehör und kostet extra. Wer ihn haben möchte – und er ist bei einem Sportbike sinnvoll – greift zur GP-Replica für 300 Euro Aufpreis oder rüstet nach. Kein Totwinkelassistent, kein adaptiver Tempomat – beides bei einem 7.250-Euro-Motorrad aber kein realistischer Anspruch und auch kein Kritikpunkt.
Kosten: Günstig kaufen, günstig unterhalten
7.250 Euro für das Basismodell, 7.550 Euro für die GP-Replica – das ist für ein vollverkleidetes A2-Sportbike mit dieser Ausstattungsdichte ein fairer Preis. Zum Vergleich: Die Kawasaki Ninja 500 SE kostet ähnlich viel, die Yamaha R7 liegt deutlich darüber. Die RS 457 ist in ihrer Klasse eines der besten Preis-Leistungs-Angebote.
Im Unterhalt ist die RS 457 überschaubar. Inspektionsintervalle alle 10.000 km, eine Standardinspektion liegt je nach Händler zwischen 200 und 350 Euro. Der Motor ist unkompliziert und wartungsfreundlich; große Servicekosten wie ein Ventilcheck beim 20.000-km-Intervall halten sich bei einem Zweizylinder dieser Bauart in Grenzen – mit 300 bis 500 Euro ist man realistisch dabei. Verbrauch rund 4 Liter auf 100 km. Reifen im A2-Format sind günstig; ein kompletter Satz guter Markenreifen liegt unter 200 Euro. Garantie: 2 Jahre ohne Kilometerbeschränkung.
Fazit
Die Aprilia RS 457 ist das stärkste Argument für den A2-Führerschein. Kein anderes vollverkleidetes Sportbike dieser Klasse vereint so viel Serienausstattung, so viel Motor und so viel Fahrspaß zu diesem Preis. Die Schwächen – mittelmäßige Serienreifen, weicher Bremsdruckpunkt, Fahrwerk mit Rennstrecken-Grenzen – sind real, aber keine Dealbreaker. Wer einen A2-Schein hat und ein Sportbike will, kommt an der RS 457 kaum vorbei.
Kurzcheck
+ 47 PS – maximale A2-Leistung, spürbar mehr als viele Konkurrenten
+ 175 kg vollgetankt – leicht und handlich im Alltag
+ Außergewöhnlich vollständige Serienausstattung für den Preis
+ Gut nutzbares Drehmoment schon ab niedrigen Drehzahlen
+ Reichweite rund 300 km – überdurchschnittlich für ein Sportbike
+ Fairer Kaufpreis, günstiger Unterhalt
– Serienreifen (TVS Eurogrip) für sportlichen Einsatz unterdurchschnittlich
– Bremsdruckpunkt weich und undefiniert
– Fahrwerk auf der Rennstrecke und bei schlechtem Asphalt an Grenzen
– Quickshifter in der Basis nur als Zubehör – kostet extra
– Ergonomie auf langen Strecken fordernd
– Hergestellt in Indien – für manche ein psychologisches Thema
Technische Daten: Aprilia RS 457 (2026)
Fertigungsland: Indien (Pune, produziert von Piaggio Vehicles Pvt. Ltd.)
Motor: Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Twin, DOHC, 270°-Hubzapfenversatz, Euro 5
Hubraum: 457 cm³
Leistung: 35 kW (47 PS) bei 9.400 U/min
Drehmoment: 43 Nm bei 6.700 U/min
Getriebe: 6 Gänge, Anti-Hopping-Kupplung
Antrieb: Kette
Fahrwerk vorn: USD-Gabel, ø 41 mm, Federvorspannung einstellbar, Federweg 120 mm
Fahrwerk hinten: Zentralfederbein ohne Umlenkung, Vorspannung und Zugstufe einstellbar, Federweg 130 mm
Bremsen vorn: 320-mm-Scheibe (schwimmend), Bybre Vierkolben-Monoblock, radial
Bremsen hinten: 220-mm-Scheibe, Bybre Einkolbensattel
Reifen vorn: 110/70 R17 (Serie: TVS Eurogrip Protorq)
Reifen hinten: 150/60 R17 (Serie: TVS Eurogrip Protorq)
Assistenzsysteme: Zweikanal-ABS (Hinterrad abschaltbar), Traktionskontrolle ATC (3-stufig), Ride-by-Wire, 3 Fahrmodi (Sport/Rain/Eco)
Gewicht vollgetankt: 175 kg
Sitzhöhe: 800 mm
Tankinhalt: 12,9 Liter
Preis (D): 7.250 Euro (Basis) / 7.550 Euro (GP Replica)
Garantie: 2 Jahre, ohne Kilometerbeschränkung