Test Aprilia Tuareg 660 (2026)
Die Reiseenduro, die Umwege liebt
Stand: 17.3.2026 | Getestetes Modell: Aprilia Tuareg 660 (2026) | Preis: 11.999 Euro
Motor: Der 660er-Twin – hier kommt er zu sich
Den Parallel-Twin mit 659 cm³ kennt man von der RS 660 und der Tuono 660 – als sportlichen Straßenmotor, der obenraus dreht und für Asphalt-Enthusiasten gebaut ist. In der Tuareg passiert etwas Interessantes: Aprilia hat ihn auf ein breiteres, nutzbareres Drehmomentband abgestimmt. 70 Nm bei 6.500 Touren, und schon ab 3.000 Touren sind 80 Prozent davon verfügbar. Das klingt technisch, bedeutet in der Praxis: Man kann auf einem losen Schotterweg im dritten Gang mit Standgasdrehzahl anfahren, ohne abzuwürgen. Der Motor verzeiht, was Geländemotoren verzeihen müssen.
80 PS bei 9.200 Touren – das ist für eine Reiseenduro dieser Größe viel. Zum Vergleich: eine Yamaha Ténéré 700 kommt auf 72 PS. Die Tuareg ist kein schwerfälliger Allrounder, sondern ein Motorrad mit echtem Biss. Wer auf der Autobahn überholt, spürt das. Wer auf einer Pass-Abfahrt mit Schotter unter den Rädern Gas gibt, muss wissen, was er tut – die Traktionskontrolle ist hier keine Option, sondern ein aktiver Sicherheitsbaustein.
Ride-by-Wire, vier Fahrmodi (City, Tour, Off-Road, Individual), Traktionskontrolle mit mehreren Einstellstufen – das Elektronikpaket ist für eine Enduro dieser Preisklasse vorbildlich. Im Off-Road-Modus regelt die Traktionskontrolle deutlich weicher, was im Gelände kontrolliertes Rutschen erlaubt. Die Anti-Hopping-Kupplung verhindert beim Zurückschalten das Aufstellen des Hinterrads – auch das ist auf losem Untergrund relevant. Der serienmäßige Tempomat (Aprilia Cruise Control) rundet das Paket für Langstrecken sinnvoll ab.
Fahrwerk: 240 mm – und man merkt es
240 mm Federweg vorne und hinten – das ist kein Marketingversprechen, das ist spürbar. Die volleinstellbare Kayaba-Upside-down-Gabel vorne und das Kayaba-Monofederbein hinten sind in Federvorspannung, Zug- und Druckstufendämpfung einstellbar. Die Grundabstimmung ist straff genug für schnelle Asphaltpassagen, weich genug für mittleres Gelände. Wer auf schwererem Untergrund unterwegs ist, sollte die Federvorspannung anpassen – die Möglichkeiten sind vorhanden.
Das Handling auf der Straße überrascht regelmäßig. Die Tuareg wiegt vollgetankt 204 kg – für eine Reiseenduro akzeptabel, aber kein Leichtgewicht. Im Fahrbetrieb fühlt sie sich leichter an, als sie ist: Der Rahmen aus hochfestem Stahlrohr mit Aluminiumprofilen und die hohe Schwerpunktlage machen das Einlenken direkt und willig. Wer von einer schweren Adventure-Maschine kommt, ist sofort positiv überrascht. Auf kurvigen Landstraßen macht die Tuareg echten Spaß.
Im Gelände gilt das Gleiche mit Einschränkung: Auf leichtem bis mittlerem Terrain – Schotterpisten, Waldwege, festes Gelände – ist die Tuareg souverän und motivierend. Auf ernstem Offroad-Terrain mit tiefen Spurrillen, großen Steinen oder sehr lockerem Sand stößt das Gewicht an Grenzen. Die Tuareg ist kein Hardcore-Enduro-Gerät. Sie ist das Motorrad für alle, die 80 Prozent ihres Fahrens auf der Straße und 20 Prozent im Gelände verbringen – und dabei kein Fahrwerk-Kompromiss eingehen wollen.
Die Bremsen von Brembo – vorne zwei 300-mm-Scheiben mit axialen Vierkolben-Schwimmsatteln, stahlummantelte Leitungen ab Werk, hinten 260-mm-Scheibe mit Einkolbensattel – sind für eine Enduro hervorragend. Standfestigkeit und Dosierbarkeit übertreffen viele Konkurrenten deutlich. Das Zweikanal-ABS mit drei Mappings und Stoppie-Kontrolle arbeitet unauffällig; im Off-Road-Modus lässt es sich für das Hinterrad deaktivieren.
Ergonomie: Hoch, aber nicht unzugänglich
860 mm Sitzhöhe – das ist die ehrlichste Aussage über die Zugänglichkeit der Tuareg. Wer 1,75 m groß ist, kommt mit einem Fuß flach auf den Boden,während der andere hängt. Wer kleiner ist, braucht Übung oder das optionale Tieferlegungskit. Im Gelände stehend zu fahren ist bei dieser Sitzhöhe natürlich und erleichtert die Kontrolle; auf dem Parkplatz beim Rangieren erfordert es Konzentration. Das ist bei Enduros dieser Bauart normal und kein Kritikpunkt – aber eine Tatsache, die man vor dem Kauf testen sollte.
Die Sitzposition ist aufrecht und für lange Tagesetappen geeignet. Der Lenker sitzt hoch und breit, die Fußrasten sind für stehende Fahrweise optimiert, aber auch sitzend angenehm. Für Fahrer bis etwa 1,85 m passt die Ergonomie gut; sehr große Fahrer müssen auf engen Gebirgsstraßen mit eingeschlagener Lenkung aufpassen, dass Knie und Lenker sich nicht im Weg stehen. Der Windschutz ist für eine Enduro ordentlich – auf der Autobahn bis 130 km/h angenehm, darüber zerrt der Fahrtwind.
Handhabung: Alltagstauglich bis zur Alm
Das 5-Zoll-TFT-Display ist eines der besten in der Enduro-Klasse: groß, gut ablesbar, per Lenkerfernbedienung bedienbar, mit Bluetooth-Konnektivität. Navigation lässt sich einbinden, Telefonanrufe annehmen. Für eine Reiseenduro ist das zeitgemäß und alltäglich nützlich. Die Bedienung ist intuitiv, auch mit Handschuhen.
Der 18-Liter-Tank ist für diese Kategorie großzügig bemessen. Bei einem Verbrauch von rund 5,5 bis 6,5 Litern auf 100 km sind Reichweiten von 270 bis 320 km realistisch – je nach Fahrstil und Untergrund. Das nimmt den Tankstopp-Druck auf abgelegenen Routen. Die Speichenräder mit Aluminiumfelgen sind schlauchlos (tubeless) – ein wichtiger Vorteil gegenüber einfachen Speichenrädern, da ein Platten unterwegs ohne Schlauch viel schneller zu flicken ist.
Gepäcksystem: Aprilia bietet werkseitig abgestimmtes Zubehör – Seitenkoffer, Topcase, Gepäckbrücke. Das ist kein Billigzubehör, sondern ordentlich integriert. Wer auf Tour geht, rüstet sinnvoll nach. Die Reinigung der Tuareg nach einer Geländeausfahrt ist aufwendiger als bei einem Straßenmotorrad – das ist Konzept, kein Mangel. Ein Heckständer ist für die Kettenpflege sehr hilfreich und günstig nachzurüsten.
Ausstattung: Mehr als die Konkurrenz, ab Werk
Ride-by-Wire, vier Fahrmodi, Traktionskontrolle, Zweikanal-ABS mit drei Mappings, Stoppie-Kontrolle, Tempomat, TFT-Display mit Bluetooth, Anti-Hopping-Kupplung, Brembo-Bremsen mit Stahlflexleitungen, Full-LED-Scheinwerfer – das alles ist serienmäßig, kein Optionspaket. Im Direktvergleich mit der Yamaha Ténéré 700 oder der Honda Transalp 750, die keinen Tempomat kennt, ist die Tuareg elektronisch das vollständigere Paket.
Was fehlt und je nach Einsatz relevant sein kann: ein Kurven-ABS. Die Tuareg hat kein neigungswinkelabhängiges ABS – was auf der Straße in tiefer Schräglage beim Bremsen ein Thema sein kann, das Konkurrenten wie die Honda Transalp 750 besser lösen. Ein Quickshifter ist nicht serienmäßig, aber als Zubehör erhältlich. Beides ist bei knapp 12.000 Euro Listenpreis vertretbar – aber es sind bekannte und berechtigte Kritikpunkte an der Tuareg.
Kosten: Fair für das, was geboten wird
11.999 Euro Listenpreis – damit liegt die Tuareg 660 über der Yamaha Ténéré 700 (rund 11.600 Euro) und gleichauf mit der Honda Transalp 750 (rund 11.400 Euro). Der Aufpreis gegenüber der Ténéré ist durch die umfangreichere Elektronik, die Brembo-Bremsen und den kräftigeren Motor begründbar. Ob er gerechtfertigt ist, hängt davon ab, wie sehr man diese Features schätzt. Gegenüber der KTM 890 Adventure R (rund 17.000 Euro) ist die Tuareg deutlich günstiger bei vergleichbarem Konzept.
Inspektionen jährlich oder alle 10.000 km, Kosten beim Händler zwischen 300 und 450 Euro. Der 660er-Motor ist wartungsfreundlicher als ein V4, Ventilkontrolle alle 20.000 km – Kosten zwischen 400 und 700 Euro je nach Händler. Reifen im Enduro-Format (90/90-21 vorne, 150/70-18 hinten) kosten je nach Hersteller und Mischung zwischen 150 und 280 Euro pro Satz – Enduro-Reifen sind günstiger als Superbike-Pneus. Verarbeitung und Lackqualität sind für den Preis angemessen, an den Speichenrädern und Anbauteilen gibt es nichts zu beanstanden. Garantie: 2 Jahre ohne Kilometerbeschränkung.
Fazit
Die Aprilia Tuareg 660 ist das interessanteste Motorrad in ihrem Preissegment. Kein anderes Mittelklasse-Adventure-Bike kombiniert so viel Elektronik, so viel Motor und so viel Fahrwerksreserven für diesen Preis. Wer die Grenzen akzeptiert – kein Kurven-ABS, kein Quickshifter serienmäßig, 204 kg beim Gelände-Einsatz – bekommt ein vielseitiges, charakterstarkes Motorrad, das auf der Landstraße begeistert und im leichten bis mittleren Gelände mehr kann als die meisten Fahrer ausschöpfen werden.
Kurzcheck
+ 80 PS – kraftvollster Motor in der Mittelklasse-Enduro-Kategorie
+ 240 mm Federweg vorne und hinten – volleinstellbar
+ Brembo-Bremsen mit Stahlflexleitungen serienmäßig
+ Umfangreiches Elektronikpaket für die Preisklasse vorbildlich
+ Tempomat, TFT-Display und Bluetooth ab Werk
+ 18-Liter-Tank – große Reichweite für Touren
+ Tubeless-Speichenräder – sicherer bei Geländeeinsatz
– Kein Kurven-ABS – Konkurrenten lösen das besser
– Kein Quickshifter in Serie
– 860 mm Sitzhöhe – für kleinere Fahrer herausfordernd
– 204 kg – im Gelände spürbar bei Stürzen und Aufstellen
– Preis über Yamaha Ténéré 700
– Großer 20.000-km-Service 400–700 Euro
Technische Daten: Aprilia Tuareg 660 (2026)
Fertigungsland: Italien (Noale, Venetien)
Motor: Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Twin, DOHC, 4 Ventile/Zylinder, Ride-by-Wire, Euro 5+
Hubraum: 659 cm³
Leistung: 59 kW (80 PS) bei 9.200 U/min
Drehmoment: 70 Nm bei 6.500 U/min
Getriebe: 6 Gänge, Anti-Hopping-Kupplung
Antrieb: Kette
Fahrwerk vorn: Kayaba USD, ø 43 mm, volleinstellbar (Federvorspannung, Zug- und Druckstufendämpfung), Federweg 240 mm
Fahrwerk hinten: Aluminium-Zweiarmschwinge, Kayaba Monofederbein, volleinstellbar, Federweg 240 mm
Bremsen vorn: 2× 300-mm-Scheibe, Brembo axiale Vierkolben-Schwimmsättel, Stahlflexleitungen
Bremsen hinten: 260-mm-Scheibe, Brembo Einkolben-Schwimmsattel, Stahlflexleitungen
Reifen vorn: 90/90-21
Reifen hinten: 150/70 R18
Assistenzsysteme: Zweikanal-ABS (3 Mappings, Stoppie-Kontrolle, Hinterrad deaktivierbar), ATC (Traktionskontrolle), 4 Fahrmodi, Ride-by-Wire, ACC (Tempomat), AEM (Motor)
Gewicht vollgetankt: 204 kg
Sitzhöhe: 860 mm
Tankinhalt: 18 Liter
Preis (D): 11.999 Euro
Garantie: 2 Jahre, ohne Kilometerbeschränkung